En passant

Aufmerksamkeitsökonomie ist eben auch das: Eine Ökonomie. Und die neigt, wie wir seit Sherwin Rosen ahnen zu unproportionalen Gewinnen bei marginalen Fähigkeitsunterschieden. Einmal etabliert geht dann einiges. Auch und gerade Diskurshoheit. Der Rest ist dann Bullying, grinsen und Zementierung durch Hinweis auf die eigene Einmaligkeit.

Nachtrag aus G+Kommentar: Ich glaube (haaallleluhjah!) das die Utopie erst da beginnt wo derartige „Zwangsläufigkeiten“ durchbrochen werden und wünschenswerteres an seine Stelle treten kann. Alles andere ist ja nur Perpetuierung. Same old shit, andere Masken.

1000jährige Parallelen

Vor Guido von Arezzo wurden für die musikalische Notation Zeichen (Neumen) benutzt, die keinen Aufschluss über die genaue Länge oder Höhe des Tons zuließen. Die eigentliche Melodie wurde mündlich tradiert. Guidos Neuerung soll in der Abtei Pomposa jedoch auf Widerstand gestoßen sein, da die Mönche um die Exklusivität ihres musikalischen Wissens gefürchtet haben sollen.

Quelle: Guido von Arezzo

Rücksichten

Rücksichten sind ungedeckte Schecks. Spiele mit Hoffnungen. Manche Milleus sind rappelvoll damit, füllen ganze Räume und die besten Spieler sind die, die soviel Wind machen, das das ganze bunte Papier immer in der Luft in Bewegung bleibt und niemand die Nullen entziffern kann. Ein Zauber, der die Windstille fürchtet.

Terra wälzt sich auf die andere Seite

Der Pacific shift, den Tofler, Naisbitt und andere Ende 80iger Anfang der 90iger abgeleitet haben, ist massiv in vollem Gang und an popkulturellen Symptomen Live zu beobachten. Die Aufgespultheiten, die wir hier noch zelebrieren und als notwendig für unsere kulturelle, intellektuelle sowie ökonomische Selbstdefinition erachten zerbröseln im gleichen Maße, wie das dortige Gilded Age an Schwung gewinnt um sich täglich selbst zu überholen.

Die Basis dieser Aufgespultheiten war eine 50 Jahre aufrechterhaltene Alimentierung, als Bollwerk gegen den Osten, in dessen Brackwasser sowohl eine funktionierende Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung toleriert wurde, als auch ein reichhaltiges, subventioniertes kulturelles Schaffen, ohne die Notwendigkeit die Miete woanders als aus staatlichen Töpfen einzuloben. Nu stehn se da, seit dem Wegfall der Mauer und der Mutation des Ostens in ein kettenloses Grinsemonster.

Die G´scheiten dienen sich der Funktionselite an, biegen sich im Sturm. Die weniger G´scheiten wedeln täglich auf allen Kanälen und posten atemlos: „Hier! Hier! Hier!“. Und die routiniert Intellenten werden ihre abgegriffenen Redehölzer weiterhin virtuos bearbeiten, nur um bloss nicht den Blick zu heben von ihren glitzernden Ziselierungen, die niemanden mehr zu blenden.

Die sich türmenden Unwahrscheinlichkeiten von Dubai über Luxos bis RKOI wollen so lange gefüttert werden bis wir alle – wie Neil Stephenson in Snow Crash formulierte – ein Niveau erreicht haben, das ein pakistanischer Ziegelbrenner für Reichtum hält.

Bis dahin zählt der Kinnladenfaktor als Indikator für die Planetenwende.

Bezahlfacebook?

Ich bin jetzt mehrfach von Facebook gefragt worden, ob ich mein Posting gegen Cash featuren möchte. Ich habe natürlich dankend abgelehnt und dann verschwubbelte das im Nirgendwo und wahrscheinlich haben das auch nicht alle zu sehen bekommen. Gnädige Aufmerksamkeitshygiene eines benevolenten Herrschers.

Was mich natürlich langsam auf den Gedanken bringt, ob es nicht komplett abwegig ist davon auszugehen, das in irgendeiner nicht so fernen Zukunft jedes Posting/Status/Link mit Cent-Beträgen abgerechnet werden wird. Aufmerksamkeit gegen Cash. Für jeden. Zuspitzung der Aufmerksamkeitsökonomie mit allen Turbofolgen der Inequality. Politik gegen Cash. Bürgerbewegungen gegen Cash. Cash gegen Cash. Oh, eine Bank.

Es wird Zeit sich dort konsequenter zu verabschieden. Ein unberechenbares Silo.

Weitermachen

Das ist eine der negativen Begleiterscheinungen der Marktkriege um unsere Kommunikationskotzbröckchen: Gespräche werden in dieser historisch-technologischen Phase zersplittert. Aber das ist keine Folge dieses Internets, sondern des kommerziellen Kampfes um noch den kleinsten Splitter auf Facebook, Google Plus, Twitter oder sonstwo.

Chr. Kappes hat wie ein Rohr im Wind sensibel auf meine gestrige Anregung reagiert. Ich hab den Text als kongenialen Anschluß empfunden: Mehr Impro. Mission accomplished. Ob es nun im Detail Makelpunkte gibt oder nicht: Das ist Job von Kusy, der muss immer richtig liegen, weil er an einem anderen (meines Erachtens überkommenen) Gestus feilt. 😉

Es gab ja in den 70igern oder 80igern so Schreibbewegungen: schreib dich frei mit ohne Töpfern. Vielleicht ist es jetzt auch so: Welche stilistische Lage brauchen wir um die explodierende Kontingenz zu reduzieren? Da hilft meines Erachtens in der Phase der Suche – in der wir alle Stecken – nur diese pre-adaptive, chaotische Haltung, in dem Schreib- und Autorenhaltungen permutiert werden. Mehr Kerouac, mehr Burroughs, mehr Versuch. Die Schmerzen, die aus der krampfhaften, nicht passenden Reduktion auf die alten Medienmodelle resultieren, sind Indikator und Sensor. Schuhe, die nicht mehr passen. Leider spricht der Schuster eine Sprache, die wir nur radebrechend im Vollzug lernen können. 

„Ich beobachte bei mir, wie es sich auch in die analoge Kommunikation frisst.“ Kann ich definitiv aus meinem analogen Labor genau so bestätigen. Ist seit längerer Zeit meine persönliche Defintion von „cloud“. Ich schleppe Threads, Stream, Topics, mit in den Meatspace, es fliesst über, führt zu Schweigen, weil ich gerade 7 mentale Tabs auf habe, die meine Scarcity Gegenübers sehen müssten, damit wir einen optimaleren Anschluss hätten. Momente des sich nicht verständlich machen könnens, weil diese verdammte Augmented Reality NOCH nicht da ist. Nur noch thematisierbar auf einer Metaebene.

Und wenn Bruno Jennrich meint: Das nervt ihn, weil der Autor sich um den Leser bemühen muss – verständlich sein und so -: fuck it! Der Autor sterbselt nicht nur rum weil sich die Formen ändern, sondern auch weil die Öffentlichkeit sich ändert. Es geht nicht mehr um massenmediale Maximierung, die sich in harter Formulierarbeit des Autörchens äussert, weil jeder „Autor“ in Zukunft ein Publikum haben wird, das weit unterhalb Dunbars Number liegen wird und das genau seiner Thematik, Stillage und „Verständlichkeit“ entsprechen wird. Jeder Pott wird seinen Deckel finden. Alles nur noch unendliche Gespräche.