Links zum Vortrag auf dem MMT27

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Trans- und Posthuman

Ich muss aus der Hüfte zurückassoziieren. Auch weil ich mir nach dem Delicious-Desaster geschworen habe, so viel wie möglich wieder in meinem eigenen Gehäuse zu veröffentlichen, statt irgendeinem Silo (Twitter, FB, Cloudideologie, etc…) meine Schätze anzuvertrauen, nur um als Contenttroll zu enden.

Kusanowskys neuestes Kabinettstück
verleitet mich direkt an meinen kleinen Text von gestern zum Werk von Zöllner/fatagaga anzuknüpfen. Er frug mich hernach, wo ich denn den Unterschied zwischen Transhumanismus und Posthumanismus sähe? War mir auch nicht so präzise klar, und ich schlug ihm eine Entwicklungslinie von Transhumanismus -> Posthumanismus -> Postbiological vor. Nun, da Kusanowsky an den Posterboys der Popkultur Assange und Zuckerberg etwas weiter rumgenagt hat, wird mir das etwas klarer. Transhumanismus ist halt die Ideologie, die das faustische Subjekt noch weiter bis in alle pupertäre Lächerlichkeit zu retten versucht – was nicht heisst das es nicht geht – und Posthumanismus eben der Versuch aus diesen 6-Million-$-Man-Phantasien auszusteigen. Aber wie gesagt: Disclaimer, weil livegrübeln…

Stefan Zöllner

Vom alten Wegbegleiter wurde ich aufgefordert etwas über sein Schaffen abzusondern. 3 Zeilen für die kurzatmigen Begleithefte der Vernissagenwelt. Und weil ich vermute das mir die Kondensation seines Schaffens aus meiner Sicht vorläufig gelungen ist, hier der Blurb. Schaut euch endlich mal sein Zeug ohne Verstand an, sonst muss ich noch böse werden und mit Tiernamen um mich werfen. Auf der großen Werkschau bei Siepermann (Knirps anybody?) in Wuppertal im März war schon so eine Art Schwellenerwartung ob der noch ausstehenden Anerkennung des Werkes rauszuhören. Da kommt noch mehr. Der kann nicht anders.

Der Zöllner aka fatagaga träumt seit den 80igern in seinen Werken einer undeutlichen Zukunft entgegen, die ihm nun immer häufiger den Begriff Transhumanismus in aller Unschärfe vor die Füsse wirft. Ob er allerdings ohne Bedeutungsverlust diesem Sicherheit versprechenden begrifflichen Regenschirm untergeschoben werden kann, ist das Problem dieses Etiketts, nicht seines Schaffens. Die Dämonie seines Werkes liegt ja auch gerade dort: in den Zipfeln, die sich weigern einem Etikett untergeordnet zu werden, nur um museal zur Strecke gebracht, für Ruhe zu sorgen. Der Stachel in all seinen Dingern ist denn auch der nächste, wirklich konsequente Schritt: Posthumanismus. Transhumanismus kann nur ein erster, schützender Handschuh sein, um sich dem Schmutz des Posthumanismus in seinem Werk anzunähern. Wer den Schritt wagt und die anästhetisierende Wirkung einer künstlerischen Einordnung seines Werkes vermeidet, wird einen Sucher im Auftrag der Philosophia Perennis finden.

Das ging schneller als ich spottete

In einem Anfall von dystopischem Spott liess ich mich am 7. Dezember zu folgendem Tweet hinreissen:

2014: Verbot des Besitzes von Festplatten und externen Speichermedien von Privatpersonen.

Woraufhin sich jemand bemüssigt fühlte zu tweet-klügeln: Weil? Bonk.

Aber selbst ich habe da nicht mit den amtierenden Dystopikern des US-Miltärs gerechnet.Schwupps, alles history.

Überhaupt scheint mir zuviel Klugheit in historischen Prozessen kontraproduktiv. Moderne Varianten der Hegelianer, die den Talk talken können und das begriffliche Ballett auf historisch geringstmöglichem Raum zu tanzen in der Lage sind, aber niemals auf den Barrikaden zu finden sein werden. Natürlich wohlbegründet.

Digitalisierung

Heute abend im Geplauder (Video folgt) mit den Herren Bruysten und J. über die momentanen, weltweiten restaurativen Tendenzen schwante mir folgendes:

Die evolutionäre Tendenz zur Digitalisierung ist selbst digital.

Exegese: Die Konflikte, die die totale Digitalisierung heraufbeschwört, könnten dazu führen das es in the long run nur ein binäres Ergebnis gibt. Computronicum oder Steinzeit. Die Verwerfungen, die wir mit Wikileaks, JMstV, Urheberrecht, Genetik (ebenfalls eine digitale Disziplin) und sonstwas erleben, erzeugen derart große widerstrebende Tendenzen, das sie sich zu einer Zerreißprobe der gesamten Zivilisation auswachsen könnten. Nein werden. Was auf jeden Fall dabei auf der Strecke bleiben wird, sind die jetzigen Verhältnisse, die jetzigen Systemdynamiken, die heutigen Organisationsverhältnisse, das moderne Menschenbild. Wir haben die Folgen einer totalen Digitalisierung noch nicht im Ansatz begonnen zu begreifen. Und wieder sehe ich nur eine Möglichkeit: Beschleunigung der Beschleunigung.

Addendum zur 9. Ästhetischen Jesellschaft

Nebenan im Wavetank ist vorgestern unser neuntes Geplauder erschienen. In the heat of the night wagte ich ein Entree mittels eines Luhmann´schen Bonmots:

Gegen Komplexität kann man nicht protestieren.

Nice. Wer den Humor mitbekommt, darf sich abrollen. Für mich und die hierorts manifesten Blogthemen interessant war allerdings eine Stelle 2 Seiten vorher (Gesellschaft der Gesellschaft, S. 857):

Zur Themenerzeugung eignen sich spezifische Formen, und zwei von ihnen haben, weil sehr allgemein, besondere Prominenz erreicht. Die eine ist die Sonde der internen Gleichheit, die, wenn in die Gesellschaft eingeführt, Ungleichheiten sichtbar macht. Die andere ist die Sonde des externen Gleichgewichts, die, wenn eingeführt, die gesamte Gesellschaft als im ökologischen Ungleichgewicht erweist. Beides sind utopische Formen, denn Ungleicheit und Ungleichgewichtigkeit ist gerade das, was ein System auszeichnet.

Mist. Genau da liegt der Pfefferhase. Ein System ist eben immer nur ein System, wenn intern als auch extern Ungleichgewichtigkeiten existieren, ansonsten man - wie Hombre Bruysten richtig einwirft - ein warmes Gas hat, ohne die Möglichkeiten zur Entwicklung, gar Evolution, die jeder Gradient anbietet. Die verschiedensten sozialen, politischen und technologischen Utopien lassen sich leicht entlang dieses Rasters von internem und/oder externem Ungleichgewicht sortieren.

Was bieten auf diesem Hintergrund technologische Utopien? Im Gegensatz zu sozialen und politischen Utopien, deren Heilsversprechen im Ausgleich systemischer Ungleichgewichtigkeiten liegt, bieten technologische Utopien genau das Gegenteil: bis ins Extrem (Computronium) gesteigerte Ungleichgewichtigkeit und Komplexität. Da wo die "Kosten" zB in Form von gesellschaftlicher Inequality (zB Gini-Index) verschwiegen werden, wie im Falle Kurzweils, schlägt die technologische Utopie notwendigerweise in tumbe Ideologie um.

Dennoch sehe ich persönlich unter den herrschenden Verhältnissen immer noch keine Alternative zu einer Beschleunigung der Beschleunigung. Jede (politische) Vermittlung zwischen diesen Polen der technologischen, extremen Ungleichverteilung, Komplexität und evolutionären Dynamik und den Utopien gesellschaftlicher Gleichverteilung trägt im Herzen die Sehnsucht nach dem Kältetod, und jede Bejahung extremer, technologischer Utopien muss sich auf der anderen Seite die Frage: Für wen? gefallen lassen.

Diese beiden Pole und ihre vielfältigen ideologischen Fallen sind das Signum unserer menscheitsgeschichtlichen Übergangsphase. Sag ich jetzt mal einfach so.