Der Negativraum öffentlicher Kommunikationen

Nur weil ich etwas teile, heisst das nicht, das ich mich mit dem Inhalt identifiziere oder ihm zustimme. Nur weil ich etwas nicht teile, heisst das nicht, das ich mich mit dem Inhalt nicht identifiziere oder ihm nicht zustimme. In beiden Fällen könnte es Grundlage für Exptrapolationen oder inverse Schlüsse sein. Die Dennunziation – nicht Kritik – bestimmter Inhalte und Quellen fördert Identifikationen. Vertrackte Dynamiken. Aber wenn die einmal laufen ist vieles erledigt.

Implizites Axiom aller Sozialen Medien: Das was ich poste mit meiner Identität zu tun hat.

Kontrollillusion Meinung (1)

Markus Spath hat meinen Tweet instinktiv richtig (zumindest fühle ich mich verstanden) getagged: „system theory“. Die Vorgeschichte ist ein Gedanke, der mich seit ein paar Tagen belästigt: Das man selbst der erste Kommunikationspartner in der Dyade Alter – Ego ist. Man ist selbst der erste, der die aufplöppenden Gedanken, Sprachfetzen innerhalb des psychischen Systems sinnhaft prozessiert. Den nächsten Schritt, sie in einer gesellschaftlichen, externen Kommunikation weiter zu verbreiten würde man nicht anstrengen, wenn nicht in der ersten Dyade ein Gefühl der Sicherheit, Gewissheit, eben besagte Kontrollillusion zustande gekommen wäre. Diese wird nur weiter zementiert, indem sie in die große weite Welt hinausgetrötet wird. Das es nur eine Kontrollillusion ist, wissen all die Hansel, die an ihre mageren Anschlussangebote Macht- und Sanktionsandrohungen hängen, wie zB wer XYZ sagt, wird entfriendet (oder beschimpft, oder …). Wer den Pathos der eigenen Meinungs-Kontrollillusion spürt, muss den Stil schrauben, noch mehr produzieren oder drohen.
(Aus ähnlichen Gründen ist mega-produktiven Outputanten wohl auch mit Mißtrauen zu begegnen. Kontrollillusionsrausch durch Outputmaximierung.)
Übrigens finde ich das Kunst auf dieser inneren Dyade von Alter und Ego aufsetzt, ohne weitere externe Kommunikationen zu suchen. Der Kunstschaffende bestätigt die innere Schleife Alter-Ego, stellt seinen Kram hin, sagt Arschlecken und lässt dem Ding seinen Lauf. Der Rest ist dann die Kunst der Gesellschaft und somit eine andere Angelegenheit.
(Uff, zum Glück hab ich die Kommentare schon vor 2 Jahren abgestellt. 😉 )

Überschuss

Wer zu den Kommunikationen des Netzes keine überschüssige Komplexität beisteuert, trägt nicht zur emergierenden Ausdifferenzierung bei. Nur im spielerischen, unberechenbaren liegt die Zukunft einbeschlossen. Die nachäffenden Figuren (Stil, Form, Design, Medien, Organisation…) sehen nicht nur alt aus. Sie sind es. Kein Überschuss.

Ignoranz

Als logische Figur der Kommunikation dünkt mich das Ignorieren in Zeiten überflüssigster Meinung und Erregung immer effizienter. Wer nicht weiss was er will, muss sich nicht wundern, wenn er oder sie an allem teilnimmt.

Weitermachen

Das ist eine der negativen Begleiterscheinungen der Marktkriege um unsere Kommunikationskotzbröckchen: Gespräche werden in dieser historisch-technologischen Phase zersplittert. Aber das ist keine Folge dieses Internets, sondern des kommerziellen Kampfes um noch den kleinsten Splitter auf Facebook, Google Plus, Twitter oder sonstwo.

Chr. Kappes hat wie ein Rohr im Wind sensibel auf meine gestrige Anregung reagiert. Ich hab den Text als kongenialen Anschluß empfunden: Mehr Impro. Mission accomplished. Ob es nun im Detail Makelpunkte gibt oder nicht: Das ist Job von Kusy, der muss immer richtig liegen, weil er an einem anderen (meines Erachtens überkommenen) Gestus feilt. 😉

Es gab ja in den 70igern oder 80igern so Schreibbewegungen: schreib dich frei mit ohne Töpfern. Vielleicht ist es jetzt auch so: Welche stilistische Lage brauchen wir um die explodierende Kontingenz zu reduzieren? Da hilft meines Erachtens in der Phase der Suche – in der wir alle Stecken – nur diese pre-adaptive, chaotische Haltung, in dem Schreib- und Autorenhaltungen permutiert werden. Mehr Kerouac, mehr Burroughs, mehr Versuch. Die Schmerzen, die aus der krampfhaften, nicht passenden Reduktion auf die alten Medienmodelle resultieren, sind Indikator und Sensor. Schuhe, die nicht mehr passen. Leider spricht der Schuster eine Sprache, die wir nur radebrechend im Vollzug lernen können. 

„Ich beobachte bei mir, wie es sich auch in die analoge Kommunikation frisst.“ Kann ich definitiv aus meinem analogen Labor genau so bestätigen. Ist seit längerer Zeit meine persönliche Defintion von „cloud“. Ich schleppe Threads, Stream, Topics, mit in den Meatspace, es fliesst über, führt zu Schweigen, weil ich gerade 7 mentale Tabs auf habe, die meine Scarcity Gegenübers sehen müssten, damit wir einen optimaleren Anschluss hätten. Momente des sich nicht verständlich machen könnens, weil diese verdammte Augmented Reality NOCH nicht da ist. Nur noch thematisierbar auf einer Metaebene.

Und wenn Bruno Jennrich meint: Das nervt ihn, weil der Autor sich um den Leser bemühen muss – verständlich sein und so -: fuck it! Der Autor sterbselt nicht nur rum weil sich die Formen ändern, sondern auch weil die Öffentlichkeit sich ändert. Es geht nicht mehr um massenmediale Maximierung, die sich in harter Formulierarbeit des Autörchens äussert, weil jeder „Autor“ in Zukunft ein Publikum haben wird, das weit unterhalb Dunbars Number liegen wird und das genau seiner Thematik, Stillage und „Verständlichkeit“ entsprechen wird. Jeder Pott wird seinen Deckel finden. Alles nur noch unendliche Gespräche.

Schwung der Figur im wendenden Punkt

Flüssiges zu flüssigem. Teilnehmen in einem Fluss. Keine kanonischen Texte mehr, sondern Teilnahme an einem großen kontingenten Fluss. Darin liegt auch das Unverständnis begründet, das Menschen die nicht aktiv im Netz unterwegs sind, selbigem entgegenbringen. Darum ist Free Jazz für den Zuhörer anstrengender, als für den aktiven Improvisator. Darum sind Denker wie Kusanowsky auch immer noch in einer Geste befangen, die versucht zu argumentieren und kanonische Erkenntnisse zu simulieren. Wir müssen hier – und das hier ist das Überall morgen – neue stilistische Schreibhaltungen erfinden, die diesem 24/7 Fluss mehr entsprechen, als die der Seminaristen, Föjetongisten oder Postdocs. Wer sich mit der Cut-up Technik von Burroughs anfreunden kann, ist der Zukunft des Schreibens und der Kommunikation näher als alle Gralswächter der Theorie je sich wähnten.

So zu tun als ob man ein Medium wäre gibt mir keine Ispiration mehr. Die Figur der Demokratisierung der Medien ist so falsch wie möglich. Die darin begründete Schreibhaltung, die sich ihren Stil sucht ebenfalls. Das imaginierte Publikum behindert unsere Zukunft. Die nächste Gesellschaft ersteht in Sätzen, die zu einem ganz anderen imaginierten Publikum spricht, als das der Abituraufsätze, Features, Bücher und Dissertationen.

Science Fiction ist nicht mehr unsere Zukunft. Die Symbole, die uns bis zur Erregung inspirieren müssen heute, hier erfunden, gefunden werden.

Mehr Impro. Mehr Groove!