Utopie und Vorstellungswille

Alle Menschen sind in Graden mit dem gleichen Potential zur Vorstellungskraft gesegnet. Allerdings dreht die hohl, wenn der Vorstellungswille fehlt. Der Trieb zur Phantasie sozusagen. Das scheint mir die eigentliche Triebfeder zu sein: die utopische Phantasie, die dem Emailausdrucker genauso abgeht, wie denen, die seit Jahrtausenden immer unter den negativen Auswirkungen von Technologie zu leiden hatten. Das, was ein Peter Thiel an Verlust riskiert, weil er seinem Vorstellungswillen und seiner Vorstellungskraft folgt, entspricht in ungleich höherem Ausmaß dem, was viele Menschen als Verlust negativer Lebensumstände riskieren würden, wenn sie durch ihr utopisches Wollen dafür sorgen würden, das der Januskopf der Technologie uns nicht automatisch die dystopische Hälfte zuwendet.

Ohne den Willen zur Utopie droht eine Schäublisierung des Potentials von Technologie und eine Reduktion auf BWLigen Excel-Fortschritt.

7 Gedanken zu „Utopie und Vorstellungswille“

  1. Vorsicht ist die Eigenschaft der Klugen, denn den Dummen
    fehlt die Vorstellungskraft für mögliche Konsequenzen.

    Moriartes
    (Griech. Philosoph, 314 – 244 v. Chr.)

  2. Der „BWLige Excel-Fortschritt“ kann so nicht stehenbleiben – obschon es ihn gibt, leider….

    Der Wille zur Utopie ist nämlich durchaus auch in Bereichen der Wirtschaft zuhause, man denke etwa an den Grafen Zeppelin aus Friedrichshafen, der das Wagnis einging, diese (damals) neuartigen Luftschiffe zu bauen. Leider hat eine noch größere Utopie, nämlich der Flugzeugbau wie wir ihn heute kennen, die Zeppeline dann schon wenige Zeit später verdrängt.

    Und damit sind wir beim (ökonomischen) Januskopf: Graf Zeppelin hat sicher alles richtig gemacht (im Sinne der Utopie oder Vision), aber in seinem Windschatten entwickelten andere eine noch bessere Technologie und sein gesetzter Einsatz (Investition) war damit weitgehend verloren.

    Und dieses Beispiel vor Augen (oder etwas Ähnliches) reduzieren manche Kaufleute dann eben ihre Vorstellungskraft auf kleine Extrapolationen in ihrem Excel-Sheet…

  3. „Der “BWLige Excel-Fortschritt” kann so nicht stehenbleiben – obschon es ihn gibt, leider….“

    Was denn nun?! 😉

    Zum Begriff der Utopie: Ich benutze ihn nicht nur im Sinne des technologischen Fortschritts (SF) sondern in der begrifflichen Tradition von Mannheim, Bloch und vielen anderen. So verstanden umfasst er mehr als nur die einfache technische Machbarkeit und ist sich der Janusköpfigkeit bewusst. Insofern steht er dem Kawasakischen „Make Meaning“ näher als dem Grafen Zeppelin.

    Die Notwendigkeit von in diesem Sinne begriffenen utopischen Denken ergibt sich für mich aus der aus dem exponentiellen Fortschritt ergebenden Richtungslosigkeit. Die Wolke des Möglichen kann nur gelichtet werden mit klaren utopischen Forderungen, denn sonst wird Dubai zum Sinnbild globaler Vermögenskonzentration, wo unter dem Blattgold wirklich nur ein Excel-Herz schlägt.

  4. Sehr interessant! Mir kommt dabei Folgendes: Wenn der exponentielle Fortschritt praktisch eine immer größere „Wolke des Möglichen“ produziert, müssen wir Menschen darauf reagieren und Utopien, Visionen oder Forderungen entwickeln. Sehe ich das Richtig?

    Betrachtet man allerdings unsere Politik und die Wirtschaft, so sind beide Bereiche (in nahezu allen demokratischen Ländern) fast nur mit dem Tagesgeschäft und eben ein paar Excel-Extrapolationen in eine sehr nahe gelegene Zukunft beschäftigt. Von Utopien oder Visionen keine Spur! Und wo ist die gesellschaftliche Debatte über Künstliche Intelligenz und dergleichen?

    Tja, und Dubai? Dubai ist so gesehen gar keine Vision in die Zukunft sondern ein Nachholen und Kopieren des westlichen Erfolgsmodells, wie es im 20. Jahrhundert funktioniert hat (und jetzt zunehmend ins Stottern gerät). Das Blattgold dort ängstigt (und inspiriert) mich wenig…

  5. @ Matthias
    Genau. Nur das Stottern nicht überbewerten. Die Zukunftsvisionen (Dubai) kommen zwar aus der Mottenkiste des 20 Jahrhunderts werden aber bis zum Eintreffen einer größeren Umwandlung (Revolution, Naturkatastrophe etc.) den Status Quo „visionären“ Handelns bei den Verantwortlichen (Unternehmer, Politiker, Architekten pp) bestimmen. Voller Ungeduld werden wir alt.

  6. Matthias: Bingo! Mit Horxismen oder Bolzismen kann diese Wolke nicht durchdrungen werden. Das sind einfache Trendverlängerer. Schlimmstenfalls Ideologen, in dem Sinne das Ideologie das begriffliche Gegenteil der Utopie ist (siehe Mannheim, 1920).

    Der Weg durch eine explodierende Wolke der Möglichkeiten ist meines Erachtens nur möglich wenn mein Kompass auf einen Punkt jenseits dieser Wolke ausgerichtet ist. Jede exponentielle Phase mündet schliesslich immer irgendwann in eine Sättigungsphase (S-Kurve 101). Von diesem Punkt rückwärts gerechnet ist eine bessere Trendvorhersage möglich als vorwärts durch historische Trendverlängerung. Sowas ist nur mit wirklich radikalem Futurismus möglich. SL4.

    ad Dubai: Dubai ist für mich weder ein Modell noch eine Vision, sondern ein Symbol für zunehmende Unwahrscheinlichkeit, die sich sowohl im mikroskopischen als auch im makroskopischen manifestiert. Wobei das eine (Chips) Mittel sind, das andere (Dubai) Folgen. Das hat nichts mit „Vison“ oder ihrem fehlen zu tun, sondern einfach mit globalen Mechanismen.

    Womit wir wieder bei Utopie sind, wenn die Mechanismen nicht in Dystopien enden sollen. Was können wir wollen?

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