Aufmerksamkeitshygiene

Aufmerksamkeitshygiene ist das Gebot der Stunde! Wohin wir unsere Aufmerksamkeit lenken ist ein Abbild unserer höchsten Werte. Jede Lebensminute für ein Youtube-Video, ein Befindlichkeitstextchen oder ein Flickrchen ist ein Echo unseres Weltbildes, falls überhaupt eines explizit vorhanden ist. Politik im Jahre 2006 ist kein gestenreiches Geschwafel über Trivialitäten die gedacht werden sollen, sondern an Medien verbrauchte Lebenszeit, die Hirnströme verursachen, die Handlungen zur Folge haben. Das Rauschen der Tischgespräche ist ein Echo der medialen Präferenzen und somit meist ein visionsloses, jahrhundertealtes Geplapper.

Der wirklich transformative Operator im Aufmerksamkeitsspiel ist die Frage: Wozu? und: War ich hier schon einmal? Langeweile ist in beschleunigten Zeiten ein transhumaner Indikator.

14 Gedanken zu „Aufmerksamkeitshygiene“

  1. Ich halte es da mit der alten Schule: Verschwende deine Zeit. Vieleicht bin ich auch einfach nicht in der Lage mich so zu konzentrieren, das Aufmerksamkeitshygiene wirklich notwendig wird. Oder ich filtere das unbewusst. Viele Filme, Internetseiten und Bücher hätte ich nie verstanden, wenn ich sie nur einmal wahrgenommen hätte. Und zu manchen Informationen musste ich zurückkehren um sie im nachhinein noch einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
    Beschleunigt ist auch was sich im Kreise dreht. Und nur weil Langsamkeit absolut out ist hat man den Euphemismus EntSchleunigung erfunden. Schneller, Höher, Weiter. Wozu? Wenn wir noch nichteinmal begriffen haben wo wir stehen?

  2. Disclaimer: Unterstellte Gleichheit ist noch lange keine faktische. Um Habermas zu paraphrasieren. Die Falle unserer (PC-) Verhältnisse: Unterstellte Gleichheit. Die Vermögen sind ungleich verteilt. Ob im Spocht oder den kognitiven Kapazitäten. Beim Halbmarathon hat mich auch schon mal ne Oma überholt und in Mathe ist Alex ist bestimmt besser als ich. Zu schnell also für wen? Tempo rausnehmen für andere ist bloss (billige) Didaktik.

    Die Aufmerksamkeitshygiene die ich da (von mir?) fordere, hat viel mit Carpe Diem zu tun, das aus dem eigenen Sinn und den Werten beantwortet wird, und nicht viel mit Verschwendung. Wem der Sinn abgeht, der kann nur dem jeweils stärksten Reiz folgen und geht in jeder Hinsicht shoppen.

  3. Bester siggi, ich sprach nicht mal vom Spocht, sondern in der Tat vom Reiz des Innehaltens, denn allzu oft ist Schnelligkeit nur Hetze und Shoppen nicht der größte Reiz im Leben 😉
    (Ich geb mir Mühe und er packt mich erstmal in die Schublade)

  4. Für mich hat Wiederholung eben auch einen Sinn. Und der stärkste Reiz ist natürlich auch nicht der beste. Ich habe den Dingen die sich mit dem Slogan „neu“ schmücken schon länger ein Malus verpasst.
    Wenn du deine Zeit nicht verschwenden willst dann ist das völlig in Ordnung so. Aber ich verschwende meine zeitweilig und ich habe gemerkt das das ganz schön gesund für mich ist. Erst in der verschwendeten Zeit komme ich auf gänzlich neue Gedanken.
    Und das wir uns da nicht mißverstehen: Ich fordere von niemandem es mir gleichzutun. Es ist halt nur meine Erfahrung der letzten Zeit. Aber ich habe sie unter anderem auch in Stephan Grünewald’s „Deutschland auf der Couch“ wiedergefunden.

  5. @asa: Zustimmung. Soto ist für mich auch kein Hühnerspiesschen. 😉 Für die eigene säugetierische Psychohygiene kann – nein ist – entschleunigen manchmal verdammt wichtig. Aber da hat wohl jeder sein eigenes Stresslevel.

    Was anderes ist es, wenn es sich um die global beschleunigten Verhältnisse dreht. Da dürfte meine blogmanifeste Meinung klar sein: Beschleunigung der Beschleunigung mit dem Kompass der Utopie! In dem Rahmen und dieser Dringlichkeit ist auch „Aufmerksamkeitshygiene“ zu verstehen.

  6. Aber wo genau ist der Unterschied zwischen der persönlichen und der globalen ’säugetierischen Psychohygiene‘. Glaubst du das was für den einzelnen Menschen ‚manchmal verdammt wichtig‘ ist für die ganze Menschheit vernachlässigt werden kann? In der Physik ist man einhellig der Meinung, das es schwerer ist den Vektor zu ändern je schneller man ist. Man gelangt zwar sehr schnell in Neuland, aber immer mit fast demselben Vektor wie vorher. Da ist nichts mit ausschwärmen und die Gegend erkunden, denn sonst ist der globale Zug längst weitergefahren. Und der ‚Kompass der Utopie‘ ist meiner Meinung erst geeicht, wenn man von seiner eigenen Utopie auch Nachteile hat. Global sehe ich da einen eher ungeeichten Kompass der mehr in Richtung ‚Nach uns die Sintflut‘ als ‚Unsern Kindern soll’s mal besser gehen‘ zeigt.
    Für mich sind Utopien die Möglichkeit an den Grundeinstellungen zu bestimmten Themen etwas zu ändern. Für mich ist Utopie nicht etwas das die Änderung der Welt auf morgen verschiebt. Morgen ist es eigentlich schon zu spät. Denn mit jedem Kilometer den wir dahinrasen wird es schwerer das Ziel und den Vektor zu ändern. Und wenn wir schneller werden, bevor wir unser Ziel überhaupt angepeilt haben, dann sollten wir uns fragen, ob wir nicht besser erstmal das Ziel auskundschaften.

  7. Ich bin mir nicht bewusst im obigen Posting eine hypothetische „globale Psychohygiene“ thematisiert zu haben. Insofern läufst Du da Gefahr zu monologisieren.

    Psychohygiene ist für mich immer persönlich, und im Fall meines Kommentares an asa bezog ich mich auf die Technik des Soto-Zen. Nichts dramatisches.

    Desweiteren drängt es mich nochmals darauf hinzuweisen das ich Utopie nicht im vulgären Sinne wie er seit den 60igern auf uns herabgekommen ist verwende, sondern versuche ihn so zu verwenden wie er in der Soziologie und Philosophie seit Mannheim und Bloch (min.), abgearbeitet wird. Jede Deutung und Kritik des Begriffs also bitte mindestens von diesem Topos aus.

  8. Ich muss sagen ich bin baff.
    Diskussionen leben vom Aussprechen unterschiedlicher Meinungen und Standpunkten und es stimmt das ich Gefahr laufe zu monologisieren. Andersherum heisst das aber auch das du einfach nicht auf meine Kommentare eingegangen bist.
    Und ganz anders betrachtet könnte das sogar heissen das du in den Punkten einfach keine Kritik verträgst.

    Inhaltlich bezog ich mich auf: „Für die eigene säugetierische Psychohygiene kann – nein ist – entschleunigen manchmal verdammt wichtig. […]. Was anderes ist es, wenn es sich um die global beschleunigten Verhältnisse dreht.“
    Und meine unmaßgebliche Meinung dazu ist: Nein es ist nichts anderes.

    @Utopiebegriff: Ich habe geschrieben ‚Für mich sind/ist‘ und das sollte nichts anderes als genau das bedeuten.

    Das eigentliche Problem habe ich mit dem Bild das ich von Aufmerksamkeithygiene habe. Hygiene ist das abtöten von unerwünschten Zellen. Wenn man mit seiner Sicht von heute entscheidest was Aufmerksamkeit verdient wie soll man dann auf wirklich neue Perspektiven kommen? Leben ist immer viel Ausschuss zu erzeugen um danach die wichtigen Dinge stehen zu lassen. Der Ausschuss gehört dazu. Und Dinge die nicht dem Prinzip des Lebens entsprechen machen Menschen krank. Und mit ‚expliziten Weltbildern‘ hab ich dieselben Probleme, weil sie mir zu keimfrei sind um noch lebendig zu sein.

  9. Danke für diese Meinungsäusserung. Gewiss kann sich der mündige Leser aus allem was ich in den letzten Jahren geschrieben habe ein eigenes Urteil bilden. Wenn nicht, wäre sowieso alles für die Katz. 😉

    Zu einer „der Gesundheit zuträglichen Kunst“ gehört auch etwas mal so stehen zu lassen. Zum Begriff der Utopie werde ich mich in Zukunft bestimmt noch weiter äussern, wobei ich versuchen werde über das alte Bonmot über „Meinungen“ von Dirty Harry hinauszukommen.

  10. Langsam komm ich dahinter warum hier selten wer seine Meinung abgibt.
    Ich kenne das Bonmot auf das du anspielst un du darfst es genau an dem Ort plazieren.
    Desweiteren drängt es mich nochmals darauf hinzuweisen das es mir nicht um deine Auffassung von Utopie ging.
    Aber meinetwegen können wir das auch genau so stehen lassen.

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