Ein Beispiel aus dem Aufmerksamkeitskrieg

Immer noch leben die transatlantischen Quellen von der Reputation der Rosinenbomber. Wenn selbigen Text ein Germane verzapfen würde – ts ts, Meier in mein Büro! Sie denken nicht positiv! Der Krieg um unsere Aufmerksamkeit ist seit Jahren voll entbrannt. Die Themen des Tages sind längst zu Belle de Jours verkommen, die von breuernden Herren auf die Agenda gesetzt werden. Im kreischenden Dickicht der Feeds, News und Wichtigkeiten retten sich die einen in den Solipzismus ihrer Subjektivität, die anderen in den Glauben an die Evolution. Evolution der Moral, der Technologie, der Menscheit überhaupt. Dieweil die, die nie in OpenBC zu finden sein werden den Telefonhörer auflegen.

Alle wollen nur unser Bestes

Alle mir bekannten Web 2.0 Anwendungen, Blogs oder sonstigen Internetschrebergärten versuchen nicht das Aufmerksamkeitsproblem zu lösen, sondern für sich zu entscheiden. Was ein riesiger Unterschied ist und die weitere Entwicklung des Gebrauchswertes des Netzes sehr behindert. Noch müssen wir dieses Problem händisch täglich selbst lösen. Wer die klarsten Ziele hat, verbringt die wenigste Zeit im Internet. Mein Beitrag: 143 k verrauschte Ablenkung.

Nachtrag 17.9.2013: Und da das Netz nun ubiquitär, also irgendwie egal ist, gilt das nun für alle Einzelkämpfer, die in der Aufmerksamkeitsökonomie unterwegs sind.

Korrelar: Die Aufmerksamkeitskriege des 21. Jahrhunderts

Nachwirkungen

Merkantile Filter lassen in evolvierenden Räumen voller Möglichkeiten nur die blassen Blumen sichtbar werden. Mit einer Kettensäge kann man nicht gärtnern.

Dysfunktionale Berichterstattung

Nicht alles was gewußt werden kann, wird auch wahrgenommen. Heute ist bei reddit an momentan 19. Stelle endlich ein Hinweis auf den Lagerauftrag, den Halliburton/KBR am 24. Januar auf ihren eigenen Seiten anzeigten. Der Mob nimmt es erst heute, schlappe 2 Monate später war. Das ist im Interesse derer, die später mal dort wohnen sollen, dysfunktional. Nicht disfunktional. Denn irgendwie – irgendwie – klappt die Berichterstattung ja. Aber was ist das für ein „irgendwie“, wenn eine Nachricht über einen 385Mio $ Lagerbauauftrag für Halliburton/KBR hier, in Germany auf meinen Seiten schon am 18. Februar zu lesen war aber sonst kaum wahrgenommen wird?

Trotz Internet, Blogs, RSS und was weiss ich noch alles: das Thema Relevanz steht noch ganz am Anfang eines heftig umkämpften Weges, der nicht zuletzt von jenen unter Beschuss steht, die derartige Meldungen lieber im Windschatten eines neuen iPod-Modelles absetzten. Wer ständig abgelenkt wird, muss sich nicht wundern, wenn er ausgeraubt wird…

Robotik, Risiko und Gesellschaftsvertrag

Die Stabilität unserer Gesellschaft beruht zu großen Teilen auf der Rückversicherung von Risiko. Das Risiko, Opfer von Willkür zu werden, wird (sollte?) von unserem Rechtssystem abgefangen. Die Kosten einer Krankheit wird von speziellen Versicherungen getragen, Erwerbslosigkeit von der Arbeitslosenversicherung. Die in Jahrtausenden akkumulierte Erfahrung von Schmerz, Würdelosigkeit und Armut haben zur Erkenntnis geführt, das es Umstände gibt, die menschenunwürdig sind.

Was hat das mit Robotik zu tun? Eigentlich nichts, solange die klassischen individuellen Risiken durch gesellschaftliche Institutionen aufgefangen werden. Wenn dies allerdings zunehmend nicht mehr der Fall ist, warum sollten sich dann große Teile der Gesellschaft noch an diesen Vertrag halten? Ist diese Erkenntnis vielleicht schon in Teile der Gesellschaft eingesickert, mit der Folge das wir immer häufiger Zeugen scheinbar irrationaler Phänomene werden, die den Gesellschaftsvertrag ironisieren, umgehen oder ignorieren?

Stabilität in komplexen Systemen ist das Ergebniss sehr ausgeklügelter Regelkreise mit postivem und negativem Feedback. Feedback, das gedämpft oder verstärkt werden kann. In komplexen Systemen einigen Regelkreisen die Dämpfung wegzuregeln kann zu interessanten Phänomenen führen, die allerdings nicht mit dem Begriff Stabilität bezeichnet werden können.

Paradoxerweise ist der Tritt, den dieser Roboter (WMV, 11Mb) von einem seiner Schöpfer empfängt, ein Tritt den wir alle empfangen werden. Aber werden wir auch wie dieser Roboter ein neues Gleichgewicht finden? Und wieder die Frage: Für alle oder Wenige?

Zooomer versus Flickr

Der Flickr-Clon Zooomer, über den bei Slashdot berichtet wurde, macht mich grübeln.

Wie man den dortigen Kommentaren entnehmen kann und mir meine Ahnung schon lange zuraunt sind derartige Ideen keine Grenzerfahrungen der Informatik. Es gibt da draussen global betrachtet – der einzigste Maßstab, der in diesen Belangen zählt – tausende 17-jährige die so etwas in 3 Monaten programmieren können. Der Unterschied liegt in der Aufmerksamkeit und den Finanzen die solchen Ideen schnell, sehr schnell zukommen müssen. Die Flaschenhälse Geld und Aufmerksamkeit bestimmen also ob Ideen genügend Dynamik aufbauen und ertragen können. Nicht der Grad der programmiertechnischen Schwierigkeit ist es, der eine massentaugliche Idee anziehend macht, sondern Geld und Aufmerksamkeit. Und dafür gibt es seit Ewigkeiten ein Wort: Marketing. Ob Gonzo, Guerilla, Viral, Postkarte: egal. Und darum erfasst mich eine komplexe Langeweile, was all diese Web 2.0 Projekte und Ideen betrifft. Denn was schliesslich aus dem Rauschen der Ideen und Projekte da draussen so weit herausgehoben wird (von wem?), das es wahrgenommen wird, werden soll, ist nicht das, was technologisch Grenzen testet oder gar für globale Belange wichtig wäre, nein, es sind durchgedrückte Kisten, die sogar im weiteren Verlauf der Entwicklung besseren Ideen im Wege stehen, und stehen sollen. (Wer würde schon nach dem tausendsten Foto für 5 Features mehr von Flickr nach Zooomer wechseln?)

Ich warte also weiterhin auf die wirklich beschleunigenden, den globalen IQ hebenden Projekte, vergleichbar 1/3 Internet (geschätzt).

Beschleunigungsbeispiel: OneBillionMazes

Das Beispiel mag trivial erscheinen, demonstriert aber wunderbar wie technologische Beschleunigung zur Vernichtung einer ganzen Industrie führt. In diesem Fall der Markt für Labyrinthe. Wenn vor OneBillionMazes sich Anbieter mit tausenden Labyrinthen brüsteten, dann war das gleichzusetzen mit einer fast marktbeherrschenden Stellung. Nach OneBillionMazes grenzt es an Lächerlichkeit.

Von dieser Sorte sind Geschäftsideen, die dem 21.Jahrhundert entsprechen:

Nicht: Sie können aus hunderten von Templates auswählen, sondern: Sie können aus allen denkbaren Templates auswählen.

Nicht: Wir bieten 5 Modelle an, sondern: Wir bieten alle denkbaren Modelle an.

Nicht: One size fits all, sondern: All sizes. Punkt.

Bedürfnisse die algorithmisch erfassbar sind, sind monopolisierbar.

Zur Differenz von “Schnell” und “Beschleunigend”

Eine Nachricht die schnell sein will, kann oder muss, stabilisiert einen Status Quo.

Im Wettlauf um die Schnelligkeit, vulgo Aktualität, zählt die Diffusionsfähigkeit der Nachricht oder Information.

Schnelle Nachrichten oder Informationen müssen das Pathos der endlichen Spiele (siehe JP Carse) perpetuieren.

Beschleunigende Nachrichten oder Informationen etablieren ein neues Niveau, sind somit grundsätzlich.

Die grundsätzliche Natur beschleunigender Nachrichten oder Informationen impliziert ihre Schwerverdaulichkeit.

Beschleunigende Nachrichten oder Informationen haben kein Verfallsdatum.

Beschleunigende Nachrichten oder Informationen sind konkurrenzlos und ubiquitär.

Nachtrag 11:40: Alles was nur schnell sein kann, unterliegt in Zukunft einer exponentiellen Entwertung.