Haditha

Ich verstehe ja das die Authentizitätsdebatten um opeltestende Boulevardblogger im Vordergrund unserer (noch) Spassgesellschaft stehen müssen, aber es passieren auch noch andere spassige Sachen. Z.B. entdecken die USA gerade ihr irakisches MyLai-Äquivalent: Haditha. Eine Meldung darüber wurde zwar vor 9 Tagen bei Digg eingereicht, hat es aber seit dem nur auf schlappe 2 Diggs gebracht. Im deutschen Sprachraum ist das Hinmetzeln von ein paar Dutzend irakischen Zivilisten sowieso kein Thema.

Da geschieht also vor über einem halben Jahr etwas was der Kongressabgeordnete John Murtha gestern als weit schlimmer als Abu Ghraib bezeichnet und das ganze soziale Softwaregeraffel westlich von Washington zeigt seine überlegene Urteilskraft in 2 „Diggs“.

Das Dreieick aus Macht – Einkommen / Vermögen – Aufmerksamkeit hat viele Spielarten. Eine davon heisst Brot und Spiele. Eine andere Verschwiegenheit. In „Der Leopard“ von Visconti gibt es eine Szene, in der einer der hohen Herren im Angesicht der schwankenden Machtverhältnisse das Bonmot ablässt: Es muss sich viel verändern, damit alles beim Alten bleibt.

Säugetiergroove

Wenn man sich in den verschmockten Bedientheiten von PC bis Cool einrichtet, im Schatten eines beliebigen Flitzefilms versucht zu „grooven“, Gadgeteria sublebt, sich umdreht und deckblattlächelt, Leben als verlängerte Pubertät versetzt mit abgekochten Morrisonmanierismen betrachtet, und glaubt nach 30 käme nix mehr, dann ist man ganz gut zu Fuss in der Jambarealität des Jahres 2006.

Das Pochen von Sternen ist längst in einem Werbebudget verreckt. In Flüssen stehen längst knietief unsere Hoffnungen und erinnern sich an Tänze jenseits von BWL-Prädikaten. Moores sublimer Hintergrundrhythmus wird noch in Neukölln gehört und irgendwo glaubt jemand die ganze blubbernde Maschine könnte seinen Schmerz in Sinn aufwiegen. Lauter Ego-Zentren die ihre Payday-Klage mehr oder weniger subtil ausagieren. Große Kunst! Die größte im Umkreis von 12 Lichtjahren.

Dysfunktionale Berichterstattung

Nicht alles was gewußt werden kann, wird auch wahrgenommen. Heute ist bei reddit an momentan 19. Stelle endlich ein Hinweis auf den Lagerauftrag, den Halliburton/KBR am 24. Januar auf ihren eigenen Seiten anzeigten. Der Mob nimmt es erst heute, schlappe 2 Monate später war. Das ist im Interesse derer, die später mal dort wohnen sollen, dysfunktional. Nicht disfunktional. Denn irgendwie – irgendwie – klappt die Berichterstattung ja. Aber was ist das für ein „irgendwie“, wenn eine Nachricht über einen 385Mio $ Lagerbauauftrag für Halliburton/KBR hier, in Germany auf meinen Seiten schon am 18. Februar zu lesen war aber sonst kaum wahrgenommen wird?

Trotz Internet, Blogs, RSS und was weiss ich noch alles: das Thema Relevanz steht noch ganz am Anfang eines heftig umkämpften Weges, der nicht zuletzt von jenen unter Beschuss steht, die derartige Meldungen lieber im Windschatten eines neuen iPod-Modelles absetzten. Wer ständig abgelenkt wird, muss sich nicht wundern, wenn er ausgeraubt wird…

Zukunft für Alle

Ja sie kann anders sein, unsere Zukunft. Anders als die von Milliarden, die vor uns je in eine grau-grauselige Zukunft erwachten. Jeden und jeden Morgen und das für ein paar wenige Jahrzehnte. Die größte aller politischen Forderungen, die wir stellen können ist: Utopia für alle! An diesem Allquantor scheiden sich nämlich die Geister. Darin liegt die ganze Politik und Macht begraben. Gated – nein: Closed! communities wie The World oder andere Superreichenhabitate sind keine Antwort auf eine Zukunft, die mich mitnehmen möchte. Lagerbau a la KBR ist keine Zukunft für alle.

Das faszinierende Versprechen, das Technologie je innewohnte, ist immer nur die Entdeckung unseres eigenen Wesens. Welche dieser Ent-deckungen letztlich zum Tragen kommt, ist allerdings eine Frage der Macht. Und das ist das depressive Erwachen für viele Leute, die sich nach allem geblogge, ge-iPodde oder rationaler Verarbeitung so faszinierender Themen wie zB der technologischen Singularität umdrehen und merken, das letztlich wieder nur die alten Bruderschaften, Rotaryclubs oder Hinterzimmer zum Zuge gekommen sind. Leute die nie auch nur nötig hatten einem „OpenBC-Club“ beizutreten. Leute die in Yale fast scheiterten, nur um doch noch Präsident zu werden. Langlebigkeit, Nanotechnologie und künstliche Intelligenz sind die politischen Themen des 21. Jahrhunderts. Im Angesicht ihrer Möglichkeit wird es zu einem Showdown kommen, das sich an dem einen kleinen Wörtchen „alle“ entzünden wird.

(aus Anlass der Zukunftsdepression von Future-Hi)

Lager

Seit über einer Woche wispert eine Nachricht in meinem Hinterkopf, die ich eigentlich nicht verstehe. Oder nicht verstehen will. Zumal die Nachricht selbst im Land, das davon betroffen ist, keine große Empörung hervorgerufen hat. Also was geht es mich an? Vielleicht weil der Begriff „Lager“ in Deutschland einen anderen Klang hat? Man stelle sich hypothetisch vor: Eine Tochterfirma des Mutterkonzerns, deren Direktor bis Mitte 2000 der jetzige Vize-Bundeskanzler war, erhält den Auftrag „Lager“ im Wert von ca 300 Millionen Euro zu bauen, die im Notfall (?) auch schnell aufgestockt werden können. Der vorgebliche Grund: Der plötzliche Zustrom von Immigranten. Rechnet man von der Bausumme aus rückwärts, dann kann man dahinter ein Szenario vermuten, das davon ausgeht, daß ca 50- bis 100 000 Bürger oder „Immigranten“ unter gewissen Umständen schnell zu staatlicher Kost und Logis überredet werden müssen. In Deutschland – nein Europa undenkbar.

In den USA vor ca 2 Wochen passiert. Ohne großen Wirbel wurde in kleinen Meldungen abgehakt, das die Tochterfirma KBR von Halliburton, deren Chef ja bekanntermassen Vize-Präsident Cheney bis August 2000 war, den Auftrag erhält, für 385 Millionen Dollar Lager für einen „emergency influx of immigrants“ zu bauen.

Auf welche politischen Umstände bereitet sich eine Regierung mit einer 385 Millionen Dollar Investition vor, die beinhaltet ca. 50- bis 100 000 Menschen schnell (emergency) wegzusperren? Eine plötzliche Einwanderungslawine aus Kanada?

Photo des Jahres

Ein sehr eindringliches Photo. Unverständlich ist mir jedoch, wie ein derartiges Photo in einem Land entstehen kann, das ca 3 mal so groß wie Deutschland ist, wovon zwar über zwei drittel Wüste sind und nur ca. 40000 Quadratkilometer Ackerland, mit dem allerdings nur 11 Millionen Menschen versorgt werden müssen? Vielleicht weil sich 94% zu einer Religion bekennen, für die Bildung, Gleichberechtigung der Frau und Demokratie ein hohes Gut darstellt?

Abramoff, Texas Holdem und Demokratie

Da bahnt sich einer der größten politischen Korruptionsskandale in der amerikanischen Geschichte an – leider im Windschatten der MacWorld.

Ein politisches und moralisches Umfeld das Menschen wie Jack Abramoff hervorbringt, erzeugt einen Fallout der noch jede Nacht im fernen Germany in den Spamfiltern zu bewundern ist. Die wirklich Mächtigen bloggen nicht, sie spammen die demokratischen Subjekte mit iPods oder XBox zu, damit diese sich die Finger wund bloggen über Gadgets, Bands mit 2 Akkordliedern oder Mac vs. Windows vs. Linux „Diskursen“.

Die S-Kurve, in deren Knie wir unser Schleudertrauma leben und es „flexibel“ nennen, wird auch von Giganten der Macht bewohnt, die mittels der wohlfeilen Werkzeuge andere, sehr biologische Netze spinnen, die uns verborgen bleiben weil Privatheit und Anonymität uns noch wichtiger scheinen als die unsichtbare Macht, deren Auswirkungen allerdings später in aller Öffentlichkeit diskutiert werden dürfen. Moderne Demokratie: eine Ansammlung von Aftergedanken.

Der Kampf um unser endliches Aufmerksamkeitsbudget wird in der Des-Informationsgesellschaft mit knochenharten Schecks, Schocks und Katzenblogs geführt.

Die zunehmende Beschleunigung wird die Knochen der Macht immer häufiger unter dem paternalen Lächeln der Bushs, Schröders, Putins für kurze Momente herauszentrifugieren. Grad lang genug um bei der Wahl zwischen 2 iPod-Geräuschen zu zögern.

Fear Vector Management

Einer der übelsten Begriffe die mir in den letzten 24 Stunden untergekommen ist. Gefunden im Global Guerrilas Blog, den ich seit einem Jahr erfolglos vermeide zu lesen. Es dreht sich darum das eine Bombe in der helfenden Menge gezündet wird, die sich um die Opfer der ersten Bombe schart. Später dann noch mal in der Menge am Krankenhaus.

Ohne die irakische Anwendung dieser Technik durch Vergleiche mindern zu wollen, fällt mir doch auf das wir in Deutschland seit ca 10 Jahren einem ähnlichen Fear Vector Management ausgesetzt sind. Initiativen wie „Agenda“ bei Scholz in Berlin oder „Du bist Deutschland“ sind da nur die Spitze des Eisbergs, mit dem seit Mitte der 90iger versucht wird den Vektor der Angst in der wahlmündigen Bevölkerung zu steuern.

Kurzweil Presseschau

Vielleicht besteht ja langsam die Möglichkeit das Thema vernünftig zu diskutieren. Ein wenig Genugtuung schleicht sich da doch an. Anfang der 90iger musste ich mir noch genau überlegen wem man das Konzept der Singularität erklärte. Mitte 90iger waren schon Vorträge, wenn auch in Künstlerkreisen möglich. Und nun?

Wall Street Journal. CNET News.com. Vielleicht liegt der pessimistische Höhepunkt der westlichen Kultur hinter uns.