Nicht das es wichtig wäre, aber…

Aber vielleicht ist Christopher Reeves ein paar Monate zu früh gestorben. Wenn es stimmt was die Korean Times berichtet, ist es koreanischen Forschern gelungen mittels Stammzellentherapie eine gelähmte Frau soweit zu heilen, das sie zumindest mittels einer Gehhilfe wieder stehen und vielleicht sogar wieder gehen kann. Nach 19 Jahren.

Auch wenn das Ergebnis nicht reproduzierbar sein sollte, oder nur in bestimmten Einzelfällen klappt: Der Weg ist klar vorgezeichnet. Die Auseinandersetzungen, die sich noch an der Stammzellentherapie entzünden werden, erinnern mich an den flammenden Wiederstand, den gewisse Kreise der Kirche im 19. Jahrhundert der Anästhesie entgegengesetzt haben: Schmerz sei ein Mittel der Läuterung. Fortschritt hat viele Feinde, in vielen scheinbar humanen Verkleidungen. Was Glauben und Wissenschaft trennen ist jedoch die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse.

Nachtrag und Frage 7.8.05: Warum erhalte ich seit gestern so viele Hits auf diesen Eintrag?

Yehuda Yudkowsky

Wut ist eine unspirituelle aber produktive Motivationsstrategie. Elizier Yudkowskys jüngerer Bruder ist mit 19 Jahren verstorben. Was sich in der Reaktion der Singularitätsanhänger zeigt, ist ein Schlag ins Gesicht aller kurzsichtigen Touchie-Feely-Technologiekritiker: Nicht Technologiegläubigkeit oder Spieltrieb motiviert viele der aktiven Singularitätsanhänger, sondern bedingungslose Liebe und Respekt zum Leben. Wer sich einem konsequenten naturwissenschaftlichen Weltbild verschrieben hat muss auch verkraften das der Tod eines Menschen ein unwiederbringlicher Verlust ist. Diesem Schock kann man natürlich leicht ausweichen indem man sich mit religösen Weltbildern sediert. Die in vielen Schattierungen stattfindende Identifikation mit dem Aggressor – wie Elias Canetti die philosophische oder religöse Rationalisierung des Todes nannte – wird in Singularitätskreisen nicht akzeptiert.

Den Tod bis aufs Messer bekämpfen, Leiden nicht akzeptieren durch jahrzehntelange Meditationsgehirnwäsche und stattdessen Menschen wie Aubrey de Grey oder Elizier Yudkowsky unterstützen sind meines Erachtens Reaktionsweisen die einem aufgeklärten Menschen gemässer sind. Der Schmerz wird bleiben. Wie lange noch, entscheiden wir selbst.Vielleicht sind wir die erste Generation der dämmert, das Tod nicht sein müsste und das damit das einmalige Potential eines Menschen nicht vor seiner Entfaltung erlöschen muss.

Wenn, ja wenn… nicht der Mahlstrom der Mittelmässigkeit seit je jeden Versuch aus dem Gefängnis der Konsenshypnose auszubrechen mit – nun, sagen wir: Unverständnis in allen seinen kreativen Spielarten belohnen würde. Es dämmert mir, das die eigene Stellung zum technologischen Fortschritt letztendlich eine Position zu den beiden Problemen der menschlichen Individualität UND des Todes ist. Alles andere leitet sich daraus ab.

Radikale Lebensverlängerung

Nicht das wir mit den üblichen Verdächtigen (NBIC) in allen Zukunftsszenarien schon genug Spass am Spekulieren hätten – nein, an der Dauer des Spasshabens wird auch noch geschraubt. Nicht unengagiert.

Es ist seit fast 70 Jahren bekannt das kalorienrestriktive Ernährung bei Säugetieren zur Lebensverlängerung führt. Die billigen, aber verlockenden Scherze über „kalorienrestriktiv“ spare ich mir mal. Nun kommt da jemand daher – nun ja er schlendert eher seit über 10 Jahren – und zeigt mit seinem forschenden Finger auf ein Gen. Ein einziges. Uno. Vielleicht hängen noch ein paar Proteine dran, aber im wesentlichen dreht es sich um einen dieser kleinen Racker mit dem putzigen Namen SIR2, der da eine durchaus gesunde Kaskade in Gang setzen soll, wenn man, ja wenn man ähäm „kalorienrestriktiv“ mümmelt. Mittlerweile sind 2 (zwei) Firmen mit grimmig entschlossenen Kittelteams dem Racker auf den Spuren, die erwarten den Mechanismus hinter SIR2 innerhalb der nächsten 10 Jahre soweit zu entschlüsseln das man ihn gezielt beeinflussen kann.

Und dann? Lebensverlängerung um 30 – 50 %. Und die zunehmende Wahrscheinlichkeit das innerhalb dieser Lebensspanne weitere Entwicklungen oder Entdeckungen zu einer weiteren Lebensverlängerung führen können.

Und dann? Der immer unwahrscheinlicher werdende Fall, das niemals künstliche Intelligenz oder Bottom-Up Nanotechnologie während der eigenen Lebenszeit entwickelt wird. Um mit dem nicht kalorienrestriktiv ernährten Herman Kahn zu sprechen: Ihr werdet es erleben! Und nun?

Das 1000$-Genom

Dieweil man in die eine Richtung starrt und versucht die Richtung des heranstürmenden Büffels zu kalkulieren (schlau, schlau!), hört man plötzlich aus entgegengesetzter Richtung ebenfalls das unverwechselbare Getrommel des Fortschritts. Auf vielen Beinen.
Die Gen-Gemeinde will das 1000$-Genom. Während es jetzt 10 Mio oder mehr kostet ein Säugetier zu entziffern, soll der Vorgang in 5 Jahren nur noch 100000 kosten und in 10 Jahren nur noch 1000. Und da wir nicht hoffen können das dann jemand auf die Glocke schlägt und verkündet: Billiger sequenzieren ist verboten! – wird man leicht prognostizieren können das danach irgendwer den Job für 100 Bucks hinbekommt.
Damit dürfte ein riesiger Markt entstehen. Allerdings ein Einmalmarkt. Leider nur im mehrstelligen Milliardenbereich und mit J. Craig Venter als Mitspieler.
Jede Klitsche die in einer Krise ihre SWOT-Analyse macht und gleich noch eine PEST-Umschau dranhängt sollte derartige Monolithen auf dem Radar haben. Staaten natürlich auch, denn das so etwas keine Folgen hat wäre vermessen anzunehmen, oder?