Sir2

Vor einem Jahr erschien mir eine kleine Bemerkung zum Sir2-Enzym angemessen. Nun erschien gestern ein Paper in Cell das weitere Forschungen rund um den kleinen Racker sowie SCH9 ausbreitet. Im Kern dreht es sich darum das es Forschern der University of Southern California gelungen ist Einzeller durch Ausschalten von Sir2 und SCH9 dazu zu überreden circa 6 mal so lange zu leben. Ohne Hungerkur wie in anderen Experimenten.

Langsam nimmt die Forschung rund um die Biochemie des Alterns Fahrt auf. Nimmt man noch die anonyme Millionenspende für den Methsualeh-Preis mit auf die Rechnung, dann drängt sich mir der wirklich total vollkommen unbegründete Verdacht auf: Da tut sich nach 100 000 Jahren endlich was.

Methuselah Mouse Prize erhält anonyme Spende in Höhe von 1 Mio$!

Die Methuselah Mouse Prize-Stiftung hat überraschend Anfang November eine anonyme Spende in Höhe von 1 Million US-Dollar erhalten. Damit steht die Gesamtsumme bei circa 3 Millionen. Die Wirkung dieser 3 Millionen dürfte durch die kaskadierenden Effekte ein Vielfaches der Summe entsprechen. The Race is on und gewinnen werden alle die nicht in irgendeiner noch so scheinbar philosohierenden Form klein begeben…

Ray Kurzweil: The Singularity is near (TSIN)

Gerade bei mir eingetroffen: Ray Kurzweil, The Singularity is near, in Insiderkreisen mittlerweile auch als TSIN abgekürzt. Das erste „Fachbuch“ zum Thema technologische Singularität, so man den Begriff Fachbuch auch auf naiv induktionistischen Futurismus ausweiten will. Abgesehen von Damian Brodericks „The Spike“ und Charles Stross „Accelerando“ das erste Buch, das sich bemüht dieses wahrscheinliche Zukunftsszenario einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen. Da kann ich mit meinen kleinen Vorträgen zur technologischen Singularität rund um 1997 nicht gegen anstinken.

Bei Amazon steht das Buch seit seinem Erscheinen am 22. September bis jetzt auf Platz 43 27 22 27 17 12 der englischsprachigen Bestsellerliste. Heute morgen (30.Sept) stand es noch auf Platz 44.

Einige Rezensionen gibt es auch schon. Sogar Hugo de Garis ist aus seinem Brain Building Kellerloch hervorgekrochen und hat sich an die Welle gehängt. Er macht auf einen Punkt aufmerksam, der wie ich ebenfalls meine unbedingt stärker betont werden muss: die politischen, gesellschaftlichen und weltanschaulichen Implikationen der Prä-Singularitätszeit. Sollten wir es je zu einer veritablen Singularität bringen, erübrigen sich ziemlich viele Topoi. Die Zeit davor allerdings hat es in sich. Die ständige, exponentielle Zunahme der Wirkmächtigkeit von Technologien wird natürlich nicht ohne Folgen für das ökonomische Gefüge jeder Gesellschaft bleiben, die nur im entferntesten mit Produktion oder Konsumption zu tun hat. Siehe Robotic Nation.

Nicht zu verachten sind auch die weltanschaulichen, gar religiösen Implikationen. Jede Religion die eschatologische Elemente in ihrem Kanon hat, wird sich natürlich von einem Zukunftsentwurf, der rein technoid einen evolutionären Höhepunkt postuliert vor den Karren gepinkelt fühlen.

Allein das Thema Lebensverlängerung, gar radikale Lebensverlängerung wird in den nächsten Jahren verdammt viele verwirrte Fundamentalisten auf den Plan rufen, die vielleicht sogar mit Gewalt dem Tod den Stellenwert erhalten wollen der diesem in ihren Weltanschauungen zukommt. Siehe Kurzweil Seite 322: Death is good for Human Species, Radical Life Extension is Anti-Human!

Ein anderes Thema wäre die durch den beschleunigten technologischen Fortschritt zunehmende Vermögenskonzentration und die daraus folgende Spaltung von Gesellschaften in eine Kaste von Menschen (?) die sich radikale Lebensverängerung und andere extreme, sehr extreme Technologien werden leisten können und eine breite, sehr breite Masse, die vielleicht noch nicht mal mehr krankenversichert ist. Alles Szenarien die aus einer zunehmenden Vermögenskonzentration durch technologischen Fortschritt folgen können, wenn neoliberale Gesellschaftsaxiome sich austoben dürfen. In diesem Zusammenhang fällt mir Larry Ellison (Oracle) ein, von dem man weiss das er sehr an lebensverlängernden Technologien interessiert ist.

Das das Thema technologische Singulariät in nächster Zeit sogar von Schlipsen wahrgenommen werden wird, dafür wird unter anderem der kostenlose Investorennewsletter von John Mauldin sorgen, der von einer schlappen Million Leuten abonniert wird, und die im letzten Newsletter mit diesem Thema konfrontiert wurden.

Fasten your seatbelt, die Singularität wird Mainstream. Und ich halte natürlich gerne Vorträge über die technologische Singularität!

Die Glasdecke der Gerontologie

Jason Pontin, der Herausgeber der Technology Review des MIT hat anscheinend mächtig die Nase voll vom Schweigen der Gerontologen zu den theoretischen Konzepten von Aubrey de Grey. Im Februar wurden Aubrey de Grey und sein Werk in einem längeren Artikel in der Technology Review vorgestellt, der trotz seiner negativen, unsachlichen Untertöne zu einem der meistgelesenen Artikel avancierte. Leider wollte sich seit damals kein Biogerontologe öffentlich und sachlich zum Thema veröffentlichen lassen. Die Biogerontologin Cynthia Kenyon trat nach 3 Monaten Vorarbeit von dieser Aufgabe zurück. Dabei dreht es sich einfach nur um die Frage, die wir alle gerne dringend beantwortet haben möchten:

Gibt es theoretische Gründe warum das, was Aubrey de Grey SENS nennt (Technische Strategien für vernachlässigbares Altern) unmöglich ist?

Wenn alle rumdrucksen und Fliegen an der Decke zählen hilft nur eins: Kleine, fiese krumplige Scheinchen und davon bitte viele! Mithin hat Pontin 20 000 $ Dollarchen ausgelobt, einzig für eine wissenschaftlich fundierte Kritik der SENS Konzepte, die Aubrey de Grey im Gegenzug nicht wiederlegen kann. Abzugeben in einem Dokument mit ca 750 Worten. Also wenn das nicht ein toller Stundenlohn ist!

Die Bilder der Zukunft

Stefan Zöllner Camera obscura Zukunft

Alle Entscheidungen die wir täglich treffen nachdem sie in Millisekunden durch unsere Filter getunnelt sind, werden an imaginierten Bildern gemessen, die unser Leben lenken. In diesem Sinne hat jeder eine unbewusste Vision die ihn lenkt.

Sich dieser Bilder bewusst zu werden, ist ein Akt der Wiederaneignung einer selbstgewählten Zukunft. Auch darum habe ich kein Fernsehen.

Es gibt private Visionen. Es gibt Clan-Visionen. Und es gibt Visionen, die der Art den Weg weisen. Ob zu den Sternen oder ins innerste des Herzens: Es sind Bilder von archetypischer Symbolkraft, die unter der Schädeldecke strahlen, um in jedem Moment bereit zu sein die kleinen Entscheidungen auf dem Weg in eine anziehende Zukunft zu treffen.

Die mächtigsten Bilder bieten für alle drei, das Individuum, die Gruppe und die Art gleichzeitig wiederspruchsfreie Ziele um genug Antriebsenergie für Jahrhunderte auszulösen. Zu solchen Bildern zähle ich unter anderen Gesundheit, Langlebigkeit, künstliche Intelligenz, die Reise zu den Sternen.

Das WOZU ist ein anderes Thema, je nachdem ob man eine Antwort für den Genotyp oder den Phänotyp sucht.

Yehuda Yudkowsky

Wut ist eine unspirituelle aber produktive Motivationsstrategie. Elizier Yudkowskys jüngerer Bruder ist mit 19 Jahren verstorben. Was sich in der Reaktion der Singularitätsanhänger zeigt, ist ein Schlag ins Gesicht aller kurzsichtigen Touchie-Feely-Technologiekritiker: Nicht Technologiegläubigkeit oder Spieltrieb motiviert viele der aktiven Singularitätsanhänger, sondern bedingungslose Liebe und Respekt zum Leben. Wer sich einem konsequenten naturwissenschaftlichen Weltbild verschrieben hat muss auch verkraften das der Tod eines Menschen ein unwiederbringlicher Verlust ist. Diesem Schock kann man natürlich leicht ausweichen indem man sich mit religösen Weltbildern sediert. Die in vielen Schattierungen stattfindende Identifikation mit dem Aggressor – wie Elias Canetti die philosophische oder religöse Rationalisierung des Todes nannte – wird in Singularitätskreisen nicht akzeptiert.

Den Tod bis aufs Messer bekämpfen, Leiden nicht akzeptieren durch jahrzehntelange Meditationsgehirnwäsche und stattdessen Menschen wie Aubrey de Grey oder Elizier Yudkowsky unterstützen sind meines Erachtens Reaktionsweisen die einem aufgeklärten Menschen gemässer sind. Der Schmerz wird bleiben. Wie lange noch, entscheiden wir selbst.Vielleicht sind wir die erste Generation der dämmert, das Tod nicht sein müsste und das damit das einmalige Potential eines Menschen nicht vor seiner Entfaltung erlöschen muss.

Wenn, ja wenn… nicht der Mahlstrom der Mittelmässigkeit seit je jeden Versuch aus dem Gefängnis der Konsenshypnose auszubrechen mit – nun, sagen wir: Unverständnis in allen seinen kreativen Spielarten belohnen würde. Es dämmert mir, das die eigene Stellung zum technologischen Fortschritt letztendlich eine Position zu den beiden Problemen der menschlichen Individualität UND des Todes ist. Alles andere leitet sich daraus ab.

Radikale Lebensverlängerung

Nicht das wir mit den üblichen Verdächtigen (NBIC) in allen Zukunftsszenarien schon genug Spass am Spekulieren hätten – nein, an der Dauer des Spasshabens wird auch noch geschraubt. Nicht unengagiert.

Es ist seit fast 70 Jahren bekannt das kalorienrestriktive Ernährung bei Säugetieren zur Lebensverlängerung führt. Die billigen, aber verlockenden Scherze über „kalorienrestriktiv“ spare ich mir mal. Nun kommt da jemand daher – nun ja er schlendert eher seit über 10 Jahren – und zeigt mit seinem forschenden Finger auf ein Gen. Ein einziges. Uno. Vielleicht hängen noch ein paar Proteine dran, aber im wesentlichen dreht es sich um einen dieser kleinen Racker mit dem putzigen Namen SIR2, der da eine durchaus gesunde Kaskade in Gang setzen soll, wenn man, ja wenn man ähäm „kalorienrestriktiv“ mümmelt. Mittlerweile sind 2 (zwei) Firmen mit grimmig entschlossenen Kittelteams dem Racker auf den Spuren, die erwarten den Mechanismus hinter SIR2 innerhalb der nächsten 10 Jahre soweit zu entschlüsseln das man ihn gezielt beeinflussen kann.

Und dann? Lebensverlängerung um 30 – 50 %. Und die zunehmende Wahrscheinlichkeit das innerhalb dieser Lebensspanne weitere Entwicklungen oder Entdeckungen zu einer weiteren Lebensverlängerung führen können.

Und dann? Der immer unwahrscheinlicher werdende Fall, das niemals künstliche Intelligenz oder Bottom-Up Nanotechnologie während der eigenen Lebenszeit entwickelt wird. Um mit dem nicht kalorienrestriktiv ernährten Herman Kahn zu sprechen: Ihr werdet es erleben! Und nun?

Eine Stunde Nanoerwägungen

Ich vermute das es seine Gründe hat, das ich kein Fernsehen meinen Strom fressen lasse. Dafür schau ich mir dann lieber ein stundenlanges Fachgesimpel über die Auswirkungen von Nanotechnologie in diesem Interdingsnetz an. SAGE Crossroads will ein Forum für die ethischen, politischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen der Forschungen rund um Altern und Lebensverlängerung sein. Alle Diskussionen sind als Webcast und als Transkript verfügbar.

Ich weiss nicht was Marika Röck empfiehlt – noch emfehlen könnte – , ich jedenfalls empfehle Nanotechnology: The Promise of the Future or Pandoras Box? sowie natürlich ein längeres Gespräch mit Aubrey de Grey, Cambridge: How Soon Will We Be Able to Control Aging?

Das Thema Lebensverlängerung und weiters die Reparatur der Schäden durchs Altern sind Themen die man in die große Multiplex-Gleichung der nächsten Jahrzehnte unbedingt aufnehmen muss um die visonäre Kraft der Kommunalwahlen in Düsseldorf so richtig geniessen zu können.

Weiter und darüber hinaus

In der trotzigen Nichtanerkennung aller Vergänglichkeit zeigt sich der tiefe Trieb allen Lebens. Es will Leben. Und findet seine Mittel auch weit über den Menschen und gar die Menschheit hinaus. Canetti bezeichnete alles philosophierende Anerkennen des Todes als eine Form der Identifikation mit dem Aggressor. Jede mehr oder weniger intelligente Form der Resignation gegenüber der Vergänglichkeit ist auch immer ein Sieg der Geistlosigkeit.