Na also: Google und Genetik!

Der neue Dienst 23andMe, den Anne Wojcicki und die allgegenwärtige Esther Dyson vor ein paar Tagen gestartet haben, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen, weil damit eine Art Undercover-Crossover zwischen Google und Gentechnik eingeläutet wurde, zum anderen weil es ein schönes Beispiel für die Dynamiken abgibt, die sich durch die zunehmende Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen in den westlichen Staaten ergeben werden.

Es dreht sich nämlich nicht darum das der durchschnittliche westliche Bürger im Jahre 200X luxuriöser als im Jahre 100X lebt, sondern das der überdurchschnittlich verdienende Bürger des Jahres 200x sich informationspraktisch und gesundheitlich mit Riesenschritten von der unterdurchschnittlichen Masse entfernen kann. Die Mittel dafür existieren jetzt, nicht irgendwann. Wenn 50% der Deutschen überhaupt kein Vermögen besitzen um zu sparen, dann haben sie auch keine Mittel um zum Beispiel einen Dienst wie 23andMe zu nutzen um Gesundheitsrisiken vorzubeugen oder massgeschneiderte Medikamente zu beziehen, wenn in ein paar Jahren das 1000$-Genom machbar sein wird.

Niemand wird in naher Zukunft in Deutschland verhungern, und warmes Wasser wird noch längere Zeit aus der Wand kommen, aber ich befürchte die Folgen der zunehmenden Ungleichverteilung werden schleichend an den Grundlagen unserer Gesellschaft nagen.

Welche Folgen hätte es für die Stabilität einer Gesellschaft, wenn sich die Lebensqualität und Lebenserwartung kleiner Teile der Bevölkerung sichtbar erstaunlich verbessert, während der Großteil immer noch glaubt es wäre normal mit etwas Glück 80 zu werden und Alzheimer oder Parkinson zu bekommen?

Schockwellen der Zukunft

Zitat Mary Meeker (Morgan Stanley) auf dem Web2.0 Summit 2007:

We as wallstreet analysts love acceleration.(pdf)

Um einen Hauch – nein, eine Brise des Sturms zu empfinden der da auf uns zukommt empfehle ich dringend den Vortrag von Tim O´Reilly zu Facebook und dem Potential derartiger Netzwerke und Tim O´Reillys Gespräch mit Greg Venter. Da finden gerade 2 Revolutionen parallel statt, die beide auf die Möglichkeiten, die sich durch Moores Law bieten, aufbauen. 10 000 menschliche Genome zu sequenzieren und in den Daten sinnvoll zu wühlen wird nur möglich sein, wenn alle Parameter der Technologien in denen wir zu schwimmen beginnen weiterhin exponentiell zunehmen.

Seit Tagen geht mir ein anderes Video nicht aus dem Kopf und ich begriff nicht warum. Jetzt ist es mir klar. Die Gefühle, die ich beim Betrachten des folgenden Videos hatte, werden denen ähnlich sein, die sich bei uns einstellen wenn wir mit den unkalkulierbaren Ergebnissen der synthetischen Biologie, Nanotechnologie, künstlichen Intelligenz und der sozialen Verknüpfung von Daten konfrontiert werden, die in den nächsten 3, höchsten 5 Jahren auf uns zu kommen.

Abrupte Richtungswechsel, plötzliches widernatürliches Verhalten von Subsystemen, Belastung von Material und Menschen bis an ihre natürlichen Grenzen und gedopt auch darüber hinaus, scheinbares Brechen von Naturgesetzen, Unbegreifen dessen, was man wahrnimmt, Unvorhersehbarkeit von privaten und gesellschaftlichen Entwicklungen und Trajektorien.

Abstürzende Sequenzierungskosten

Vor knapp 2 Jahren hatte das National Institute of Health in den USA sich als nahes Forschungsziel gesetzt, die Kosten für die Sequenzierung eines Säugetiergenoms auf 100 000$ zu drücken. Innerhalb der nächsten 10 Jahre will man die Kosten auf 1000$ drücken.

Mir ist nicht klar was hier als nahe und was als ferne Zukunft zu gelten hat, eins steht jedoch fest: Prächtiges Beispiel für eine Unterschätzung! Unterschätzt wurde hierbei wie schnell die 100 000$ Kostengrenze unterboten werden konnte, überschätzt wurde wohl die Schwierigkeit des Problems. Klar, nachher ist immer alles leicht.

Prof. Richard A. Mathies von der UC Berkley hat zusammen mit Robert G. Blazej und Palani Kumaresan einen Chip entwickelt mit dessen Hilfe ein Genom für ca 50 000$ sequenziert werden können soll. Hier das Paper, hier die zugehörige Firma, Microchip Biotechnologies. Gut, jetzt also für 50 000. Demnächst für 10 000, dann für 1000.

Wer demnächst schon 50 000 auf den Tisch legen kann, weil der Drittsportwagen eh langweilig ist, wird wohl als Earlyadopter medizinische Vorteile geniessen, von der die Masse vielleicht in 20 Jahren noch nicht einmal träumen kann. Wieder ein schickes Element für das Puzzle der transhumanen Superreichengettos. Anders: Wie hoch ist die Lebenserwartung jenseits von 10 Mio Vermögen?

Am therapeutischen Nutzen kann man natürlich zweifeln. Aber nur solange man übersieht das auch an der Front der Gentherapie rasende Fortschritte gemacht werden. Um das Gesamtbild etwas abzurunden hier ein Interview mit James Wilson MD Ph.D., Professor an der University of Pennsylvania’s School of Medicine in der Technology Review.

Zukunft ist ein Raum, den wir mittels unserer moralischen Filter kultivieren. Für alle oder wenige?

Methuselah Mouse Prize erhält anonyme Spende in Höhe von 1 Mio$!

Die Methuselah Mouse Prize-Stiftung hat überraschend Anfang November eine anonyme Spende in Höhe von 1 Million US-Dollar erhalten. Damit steht die Gesamtsumme bei circa 3 Millionen. Die Wirkung dieser 3 Millionen dürfte durch die kaskadierenden Effekte ein Vielfaches der Summe entsprechen. The Race is on und gewinnen werden alle die nicht in irgendeiner noch so scheinbar philosohierenden Form klein begeben…

Radikale Lebensverlängerung

Nicht das wir mit den üblichen Verdächtigen (NBIC) in allen Zukunftsszenarien schon genug Spass am Spekulieren hätten – nein, an der Dauer des Spasshabens wird auch noch geschraubt. Nicht unengagiert.

Es ist seit fast 70 Jahren bekannt das kalorienrestriktive Ernährung bei Säugetieren zur Lebensverlängerung führt. Die billigen, aber verlockenden Scherze über „kalorienrestriktiv“ spare ich mir mal. Nun kommt da jemand daher – nun ja er schlendert eher seit über 10 Jahren – und zeigt mit seinem forschenden Finger auf ein Gen. Ein einziges. Uno. Vielleicht hängen noch ein paar Proteine dran, aber im wesentlichen dreht es sich um einen dieser kleinen Racker mit dem putzigen Namen SIR2, der da eine durchaus gesunde Kaskade in Gang setzen soll, wenn man, ja wenn man ähäm „kalorienrestriktiv“ mümmelt. Mittlerweile sind 2 (zwei) Firmen mit grimmig entschlossenen Kittelteams dem Racker auf den Spuren, die erwarten den Mechanismus hinter SIR2 innerhalb der nächsten 10 Jahre soweit zu entschlüsseln das man ihn gezielt beeinflussen kann.

Und dann? Lebensverlängerung um 30 – 50 %. Und die zunehmende Wahrscheinlichkeit das innerhalb dieser Lebensspanne weitere Entwicklungen oder Entdeckungen zu einer weiteren Lebensverlängerung führen können.

Und dann? Der immer unwahrscheinlicher werdende Fall, das niemals künstliche Intelligenz oder Bottom-Up Nanotechnologie während der eigenen Lebenszeit entwickelt wird. Um mit dem nicht kalorienrestriktiv ernährten Herman Kahn zu sprechen: Ihr werdet es erleben! Und nun?

Eine Stunde Nanoerwägungen

Ich vermute das es seine Gründe hat, das ich kein Fernsehen meinen Strom fressen lasse. Dafür schau ich mir dann lieber ein stundenlanges Fachgesimpel über die Auswirkungen von Nanotechnologie in diesem Interdingsnetz an. SAGE Crossroads will ein Forum für die ethischen, politischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen der Forschungen rund um Altern und Lebensverlängerung sein. Alle Diskussionen sind als Webcast und als Transkript verfügbar.

Ich weiss nicht was Marika Röck empfiehlt – noch emfehlen könnte – , ich jedenfalls empfehle Nanotechnology: The Promise of the Future or Pandoras Box? sowie natürlich ein längeres Gespräch mit Aubrey de Grey, Cambridge: How Soon Will We Be Able to Control Aging?

Das Thema Lebensverlängerung und weiters die Reparatur der Schäden durchs Altern sind Themen die man in die große Multiplex-Gleichung der nächsten Jahrzehnte unbedingt aufnehmen muss um die visonäre Kraft der Kommunalwahlen in Düsseldorf so richtig geniessen zu können.

Weiter und darüber hinaus

In der trotzigen Nichtanerkennung aller Vergänglichkeit zeigt sich der tiefe Trieb allen Lebens. Es will Leben. Und findet seine Mittel auch weit über den Menschen und gar die Menschheit hinaus. Canetti bezeichnete alles philosophierende Anerkennen des Todes als eine Form der Identifikation mit dem Aggressor. Jede mehr oder weniger intelligente Form der Resignation gegenüber der Vergänglichkeit ist auch immer ein Sieg der Geistlosigkeit.

Das 1000$-Genom

Dieweil man in die eine Richtung starrt und versucht die Richtung des heranstürmenden Büffels zu kalkulieren (schlau, schlau!), hört man plötzlich aus entgegengesetzter Richtung ebenfalls das unverwechselbare Getrommel des Fortschritts. Auf vielen Beinen.
Die Gen-Gemeinde will das 1000$-Genom. Während es jetzt 10 Mio oder mehr kostet ein Säugetier zu entziffern, soll der Vorgang in 5 Jahren nur noch 100000 kosten und in 10 Jahren nur noch 1000. Und da wir nicht hoffen können das dann jemand auf die Glocke schlägt und verkündet: Billiger sequenzieren ist verboten! – wird man leicht prognostizieren können das danach irgendwer den Job für 100 Bucks hinbekommt.
Damit dürfte ein riesiger Markt entstehen. Allerdings ein Einmalmarkt. Leider nur im mehrstelligen Milliardenbereich und mit J. Craig Venter als Mitspieler.
Jede Klitsche die in einer Krise ihre SWOT-Analyse macht und gleich noch eine PEST-Umschau dranhängt sollte derartige Monolithen auf dem Radar haben. Staaten natürlich auch, denn das so etwas keine Folgen hat wäre vermessen anzunehmen, oder?