Luhmann und Karriere

„Erfolge erzeugen Erfolge, Misserfolge erzeugen Misserfolge. Anfänglich geringe Differenzen werden durch die Karriere verstärkt. So geht die Karriere ihrerseits in die Selbstselektion ein. Man traut sich mit einer karrieregünstigen Biographie mehr, mit einer entmutigenden Karriere weniger zu. Wenn es keine anderen Gründe für die laufende Regenerierung von Ungleichheiten gäbe: durch Karrieren allein würden sie zustande kommen. Insofern sind Karrieren nicht nur Folgen des Zusammenbruchs der Stratifikation; sie erzeugen auch eine ähnliche, wenngleich instabile, Ungleichheit der Chancenverteilung. Im dem Maße, als sozialstrukturelle Bestimmungen der Lebensläufe zurück entwickelt, das heißt: auf Bedingungen für Karrieren reduziert werden, wird Karriere zur universellen Lebensform. Sie lässt die Möglichkeiten offen, sich als träge und uninteressiert zu erweisen und in einer Nische ein ruhiges Leben zu suchen. Man kann, anders gesagt, den Beitrag einer eigenen Selbstselektion für Karrieren verweigern. Man kann eine Null-Karriere wählen. Aber auch das ist noch Karriere, weil auch diese Option der Struktur folgt. Auch sie definiert karrieremäßige Opportunität, auch sie legt Individualgeschichte im Unsicheren fest. Auch sie kann nicht ausschließen, dass Momente kommen, in denen man sie, weil kontingent, bereuen wird.“

Niklas Luhmann (1994): Copierte Existenz und Karriere. Zur Herstellung von Individualität, in: Beck, Ulrich/Beck-Gernsheim, Elisabeth (Hrsg.): Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp. 191-200

Systeme – Umwelt – Autodingens

Ungeachtet dessen stehen die eigenen Operationen nur dem System selbst zur Disposition. Sie können nur im System benutzt werden; oder anders gesagt: das System kann nicht außerhalb seiner eigenen Grenzen operieren. Es kann die eigenen Operationen daher auch nicht benutzen, um sich selbst an die Umwelt zu koppeln oder diese Kopplung zu variieren. Es kann sich nicht anpassen. Es ist immer schon an die Umwelt gekoppelt als Folge der Sequenz eigener Operationen, es ist immer schon angepaßt.

Luhmann, Wissenschaft der Gesellschaft, S 29

„Kritik“, state of the state – ongoing project

„Es ist ebenso billig wie unverantwortlich, Ideale aufzustellen, denen die Verhältnisse nicht genügen, und dann Klage zu führen über die noch immer nicht eingelösten Versprechen der bürgerlichen Revolution. Ich sehe in dieser Attitude keine Theorie, geschweige denn kritische Theorie. Geht man statt dessen von der Unwahrscheinlichkeit dessen aus, was so gut wie normal funktioniert, kann man deutlicher und vor allem genauer erkennen, wo das System in bezug auf seine eigenen strukturellen Erfordernisse inkonsequent und selbstgefährdend operiert.“

„Historisch geändert hat sich vor allem die faktische Situation und damit die Erfahrungslage für die Beobachtung der Gesellschaft. Wie nie zuvor ist deutlich, daß positive und negative Aspekte in einer unauflösbaren Weise verknüpft sind und durch ein und dieselben Strukturbedingungen reproduziert werden. Der technische Fortschritt führt zu Umweltschäden, die nur durch weiteren technischen Fortschritt mit einer immer stärkeren Technologieabhängigkeit der Gesellschaft abgeschwächt werden können. Das rationale Funktionieren der Funktionssysteme, und gerade das rationale Ausnutzen kleinster Differenzen, Chancen, Gelegenheiten erzeugt durch „Abweichungsverstärkung“ immense Ungleichheiten, für die keine Funktion angegeben werden kann. Das gilt für die Wirtschaft, also für die Verteilung von Reichtum und Armut, aber auch für die Erziehung und für die Chancen der Forschung. Die hohe Organisationsabhängigkeit der Funktionssysteme führt zu einer Abhängigkeit von der „bürokratischen“ Logik der Selbstreproduktion von Organisationen, die die Offenheit und Flexibllität der Funktionssysteme erheblich einschränkt und ein ständiges Nichtausnutzen von Chancen erzeugt. Entsprechend wächst die Diskrepanz zwischen Erwartungen und Wirklichkeiten, zwischen dem, was man als möglich sieht, und dem, was dann faktisch geschieht.“

„Wer von Symptomen einer Krise spricht, hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Gerade in der Spannung zwischen Gefahr und Hoffnung liegt der Appellcharakter des Begriffs. Die krisenhaften Erscheinungen der Gegenwart werden auf Fehlentwicklungen, vor allem des Industriekapitalismus, zurückgeführt, die man korrigieren kann. Noch in den 70er Jahren konnte man lesen, daß die ökologischen Probleme der modernen Gesellschaft ein Phänomen des profitsüchtigen Kapitalismus seien und unter sozialistischen Bedingungen nicht auftreten würden. Es muß gleichsam eine gute Gesellschaft hinter der Gesellschaft geben, auf die man Strukturen und Effekte zurückdirigieren kann. […] Aber in dem Maße, als diese Krise soziologisch erklärt wird, entsteht eine Gesellschaftstheorie, die die Krisenphänomene nicht mehr nur als vorübergehend behandeln, nicht mehr nur auf falsches Bewußtsein oder falsche Politik zurückführen kann, sondern sie als strukturelle Effekte der modernen Gesellschaft begreifen muß. Und wenn eine solche realistische Begegnung der Gesellschaft mit sich selbst erreicht ist: was könnte dann noch Kritik gesagen?“

Luhmann, Soziologische Aufklärung, Vol4, 1987