{"id":494,"date":"2008-01-03T16:02:37","date_gmt":"2008-01-03T15:02:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.siggibecker.de\/blog\/archives\/2008\/01\/singularitaetsaufwasch-2008\/"},"modified":"2017-01-19T23:08:15","modified_gmt":"2017-01-19T22:08:15","slug":"singularitaetsaufwasch-2008","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.siggibecker.de\/blog\/archives\/2008\/01\/singularitaetsaufwasch-2008\/","title":{"rendered":"Singularit\u00e4tsaufwasch 2008"},"content":{"rendered":"<p>Nach gesundheitlichem Schock, grippalem Schleudertrauma und Festtagsterror I am back again und will hier auf <a href=\"https:\/\/www.siggibecker.de\/blog\/archives\/2007\/12\/kurzes-statement-zur-globalen-lage\/\">einige Kommentare aus dem letzten Jahr<\/a> antworten. M\u00f6ge es einer fruchtbaren, aber vor allem zivilen Diskussion dienen.<!--more--><\/p>\n<p>Gehen wir mal einige der angesprochenen Punkte einzeln durch:<\/p>\n<p>*Die Problematik des &#8222;Mems&#8220;.<\/p>\n<p>Seit seinem Auftauchen bei Dawkins konnte ich mich nie damit anfreunden den Begriff systematisch zu benutzen. Eingang in die sozialwissenschaftliche Werkzeugkiste hat er auch nicht gefunden. Etwas rumschn\u00fcffeln ergibt folgendes:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/cfpm.org\/jom-emit\/2005\/vol9\/edmonds_b.html\">Why memetics per se has failed to produce substantive results<\/a>. An dem Punkt kann jeder weitersuchen, der daran interessiert ist den Begriff weiterhin als erkenntnisf\u00f6rderndes Werkzeug der Sozialwissenschaften zu benutzen. Nur so viel am Rande: Der Artikel ist 2005 im &#8222;Journal of Memetics &#8220; erschienen, in dessen Advisory Board ein gewisser Herr Dawkins sitzt. Oder sass, denn der oben zitierte Artikel ist der letzte des Journal of Memetics. RIP? &#8211; Gehostet wird (wurde?) das Journal of Memetics \u00fcbrigens von Prof. Francis Heylighen aus Br\u00fcssel. Und der ist wiederum in der Singularit\u00e4tsproblematik mit seiner <a href=\"http:\/\/pespmc1.vub.ac.be\/HEYL.html\">Principia Cybernetica seit 1993<\/a> auff\u00e4llig geworden. 1993 hat Kurzweil noch Keyboards gebastelt. Ts ts&#8230;ich mein ja nur.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte vorschlagen anstatt das Totschlagargument &#8222;Mem&#8220; in den Ring zu werfen (schliesslich ist irgendwie alles wischiwasschi ein Mem: Web2.0, der Traum vom Fliegen (siehe zB Leonardo, den alten Oberspinner), Menschen auf den Mond&#8230;), sich mit den jeweiligen Sachfragen auseinanderzusetzen. So wie zB die SEMA-Tech. Oder Peter Norvig. Oder eben auch Yudkowsky. Jemanden als Egomanen abzutun hilft ja recht wenig. Oder werden die Verdienste von Craig Venter um das Human Genom oder die synthetische Biologie dadurch geringer, das sein Ego durch keine T\u00fcr passt und er Pudel toll findet? Man stelle sich vor, man w\u00fcrde einem gro\u00dfspurigen Herrn Venter im Jahre 1985 begegnen, lange vor seinen geschichtstr\u00e4chtigen Leistungen! Nun gut&#8230;<\/p>\n<p>Womit wir bei der Gleichsetzung von Yudkosky oder Kurzweil mit &#8222;technologischer Singularit\u00e4t&#8220; w\u00e4ren. Das kann dem unbescholtenen Zuschauer gerade im Fall Kurzweil so erscheinen, aber dem ist ja nicht so. Zu Kurzweil habe ich mich hier des \u00f6fteren schon ge\u00e4ussert und sehe das eigentlich genau so wie Peter. Ach,was sag ich. Ich erinnere mich an ein Gespr\u00e4ch mit Herrn M. S. aus D. (Grimmepreistr\u00e4ger 2007), ich glaube im Jahre 1998 an einem lauen Sommerabend im Malkastenpark, wo wir nicht begriffen warum Herr Kurzweil so viel L\u00e4rm macht, aber seine eigenen proklamierten Trends damals selbst noch nicht begriff. Irgendwie ein ekelhafter Prozess, denn wie wir alle wissen hat er zwar 15 Jahre l\u00e4nger als zB Vernor Vinge gebraucht, aber mit der Macht seiner PR-Maschine den Begriff und seine Wahrnehmung in der \u00d6ffentlichkeit komplett mit seiner Person in Verbindung gebracht. Niemand redet da von <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/I._J._Good\">I. J. Good, der den wesentlichen Punkt einer &#8222;Intelligence Explosion&#8220;<\/a> im Falle einer rekursiv sich verbessernden AI schon 1965 in einem Artikel im New Scientist gesehen hat. Kurzweil?! Pah!<\/p>\n<p>So, was war da noch? Hm, ja der Wunsch von <a href=\"http:\/\/www.aiplayground.org\/\">Andreas Stuhlm\u00fcller<\/a> nach mehr Meta. Den kann ich auch nicht so richtig nachvollziehen. Was Aussagen zu einer jeden Methode in Fragen der Zukunft anbelangt: Auch dazu meine ich mich seit Jahren hinreichend ge\u00e4ussert zu haben. Der ganze Kram kann nie den Anspr\u00fcchen einer popperschen Methodik gen\u00fcgen. Ist allenfalls naiver Induktionismus wie Alan F. Chalmers das nennt. Bei aller Wahrheit der Pr\u00e4missen, folgt die Wahrheit der Konklusionen nie logisch zwingend, sondern nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Und ist im schlimmsten Falle, wie bei Kurzweil (allerdings nicht bei Yudkowsky) mit nur einem Szenario ausgestattet, was, wie wir vom Captain Bruce wissen, unseri\u00f6s ist. Darum betone ich immer und hier leicht gelangweilt nochmal: Die technologische Singularit\u00e4t ist eines von vielen Szenarien, die alle mit einer uns unbekannten Wahrscheinlichkeit gewichtet sind. So betrachtet ist die Klimadiskussion definitiv unseri\u00f6ser als die Singularit\u00e4tsdiskussion, weil der Diskurs um die Singularit\u00e4t immer auch im Bewusstsein der anderen, denkbaren Szenarien gef\u00fchrt wird. Siehe <a href=\"https:\/\/www.siggibecker.de\/blog\/archives\/2007\/02\/vernor-vinge-zukunftsszenarien-ohne-singularitat\/\">Vernor Vinge himself (Vortrag \u00fcber Zukunft OHNE Singularit\u00e4t)<\/a>, oder ausf\u00fchrlicher bei <a href=\"http:\/\/www.nickbostrom.com\/existential\/risks.html\">Nick Bostrom<\/a> und seine Palette an Risiken f\u00fcr die Zukunft der Menschheit. Oder auch hier in diesem kleinen Geh\u00e4use, oder warum bittesch\u00f6n habe ich in dem Vortrag: <a href=\"https:\/\/www.siggibecker.de\/blog\/archives\/2007\/07\/funktion-von-extremem-futurismus\/\">&#8222;Utopien sind keine Trends&#8220; auf dem Webmontag in D\u00fcsseldorf<\/a> auf Zuk\u00fcnften (plural) herumgeritten? Na?!<\/p>\n<p>Ich denke nur mit multiplen Szenarien\/Zuk\u00fcnften kann man auch den politischen Gehalt von Utopien plausibel machen und Ideologien entlarven. In der Hinsicht finde ich in den letzen ein, zwei Jahren ein Nachdenken \u00fcber eine Zukunft ohne Singularit\u00e4t sehr interessant, weil es deutlicher machen k\u00f6nnte, das das aktive Anstreben einer technologischen Singularit\u00e4t auch ethisch begr\u00fcndet werden k\u00f6nnte. Eines der denkbaren Szenarien scheint mir n\u00e4mlich &#8211; wie ich hier schon oft angedeutet habe &#8211; das der transhumanen Reichenghettos zu sein, die sich herausbilden k\u00f6nnen weil Technologie weltweit die Verm\u00f6genskonzentration bef\u00f6rdert. Aber auch das ist ein Szenario von vielen denkbaren. Fundamentalismus plus synthetische Biologie kann ebenfalls f\u00fcr unterhaltsame Abende ohne Fernseher sorgen.<\/p>\n<p>Zum Schluss noch kurz zu der auf den ersten Blick verlockenden \u00c4hnlichkeit von technologischer Singularit\u00e4t mit Y2k. Dazu eine kleine Tabelle:<center><\/p>\n<table border=1 cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\" >\n<tr>\n<td> &nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;&#8212;<\/td>\n<td>Trend<\/td>\n<td><center>Utopie<br \/>(+Szenario)<\/center><\/td>\n<td>Dystopie<\/td>\n<td>Ideologie<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Singularit\u00e4t  <\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>N<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Y2K<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>0<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>X<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Housing Bubble <\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>X<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>radikale Idee 32 <\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>X<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Peak Oil <\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>X<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>X<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Lebensverl\u00e4ngerung<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>X<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Synthetische<br \/>Biologie<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>X<\/center><\/td>\n<td><center>X<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Moores Law   <\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>X<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Web2.0\/Social Software<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>X<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center><font color=#FF0000>X<\/font><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Nano-<br \/>Assembler (Drexler)<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>X<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Verm\u00f6gens-<br \/>konzentration<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>X<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>x<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Robotik  <\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>X<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>FLOPS<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>X<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Klimakatastrophe  <\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>X<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>X<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td> Asteroideneinschlag  <\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>0<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td><center>X<\/center><\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>&#8230;&#8230;  <\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<p><\/center><\/p>\n<p>Bei Y2k gab es keine Trends, sondern nur isolierte Ereignisse aus denen f\u00fcr ein spezifisches Zieldatum ein globales dystopisches Szenario abgeleitet wurde.<\/p>\n<p>Im Falle des Szenarios einer technologischen Singularit\u00e4t liegen multiple technologische Trends vor, die sowohl Dystopien als auch Utopien realisieren k\u00f6nnen. Was und ob sich das realisieren wird, h\u00e4ngt davon ab, welche anderen Szenarien wir f\u00fcr nicht w\u00fcnschenswert halten, also gegensteuern mit Werten, Kreativit\u00e4t und vor allem Menschlichkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach gesundheitlichem Schock, grippalem Schleudertrauma und Festtagsterror I am back again und will hier auf einige Kommentare aus dem letzten Jahr antworten. 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