Das ging schneller als ich spottete

In einem Anfall von dystopischem Spott liess ich mich am 7. Dezember zu folgendem Tweet hinreissen:

2014: Verbot des Besitzes von Festplatten und externen Speichermedien von Privatpersonen.

Woraufhin sich jemand bemüssigt fühlte zu tweet-klügeln: Weil? Bonk.

Aber selbst ich habe da nicht mit den amtierenden Dystopikern des US-Miltärs gerechnet.Schwupps, alles history.

Überhaupt scheint mir zuviel Klugheit in historischen Prozessen kontraproduktiv. Moderne Varianten der Hegelianer, die den Talk talken können und das begriffliche Ballett auf historisch geringstmöglichem Raum zu tanzen in der Lage sind, aber niemals auf den Barrikaden zu finden sein werden. Natürlich wohlbegründet.

Burma und Technologie als Politik

Der Fluss von Wissen und Information ist Politik. Während der freie Fluss seit je eher emanzipatorischen Bewegungen zu gute kommt, wissen Diktatoren schon immer was sie als erstes zu tun haben. Was mich allerdings sehr, sehr befremdet ist die auch im Kleinen beobachtbare, tägliche Entscheidung im Nachrichtengeschehen, die sich in der Linkpolitik großer Portale wie zB dem ZDF oder der Tageschau zeigt.

Während die Tageschau freizügig auf fast alle wichtigen burmesischen Blogs linkt und die Leser nicht hartherzig auf ihren Seiten hält, kann man beim ZDF sogar im Interview mit Ko Htike lange nach einem Link suchen. Closed garden Linkpolitik. In solchen kleinen Details kann sich zeigen auf welcher Seite man steht: dem egoistischen Eigeninteresse oder frei fliessendem Informationsbedürfniss. Paradoxerweise macht man sich mit so einer Haltung mit den Diktatoren gemein.

Beim ZDF sollte man sich mal fragen warum die Leute von der Tagesschau einen Grimme Preis erhalten haben.

Und weil ich mich gerade frage, was ich in dieser Situation tun kann, hier einige Links zu burmesischen Blogs:
http://burmamyanmargenocide.blogspot.com/

http://www.moeyyo.com/MM/
http://seinkhalote.blogspot.com/
http://soneseayar.blogspot.com/
http://moemaka.blogspot.com/
http://niknayman.blogspot.com/
http://dathana.blogspot.com/
http://burma-myanmar-news.blogspot.com/
http://rightorrong.blogspot.com/

Und weil solche historischen Momente eine ganz andere Ästhetik hervorbringen als unsere unwirkliche, dumme Popkultur, gestatte ich mir dieses YouTube-Video zu verlinken:

Cringely und die technologische Singularität

Robert Cringely hat sich geoutet. Er denkt über die technologische Singularität nach. Nicht sehr differenziert und tief informiert, aber immerhin. Interessant sind allerdings die Kommentare, die zeigen, wie uninformiert und technologisch pessimistisch der Mainstream-Geek an sich ist. Allesamt äußern ihre cutting edge Kritik und Bonmots in einem Medium, das es nie gegeben hätte, wenn ihre Weitsicht und utopische Freude zum Maßstab unser aller Zukunft würde. Wie ist es da überhaupt möglich, dass je Neues in die Welt kommt?

Wie kommt es, dass es überlegitim ist, über klimatische Veränderungen im Jahre 2050 oder 2100 nachzudenken, aber die systemischen Folgen von exponentiellen, technologischen Trends zu ironisieren oder gar zu ignorieren, obwohl diese gleich um die nächste Dekadenecke liegen?

Virgin Earth Challenge: Technologie als Klimaretter

Wenn sich alle morgen an den Händen fassen und plötzlich unheimlich dolle umweltbewusst werden – auch die Essers und Breuers der Welt – dann könnte innerhalb von 10 Jahren sehr viel weniger CO2 in der Atmosphäre landen. Die Mengen, die wir allerdings bis heute auf ihre Reise in die Atmosphäre geschickt haben, hindert das nicht, sich in die vertrackten Feedbackschleifen des Klimas einzureihen und für Unbill in den nächsten Jahrzehnten zu sorgen.

Wenn alle Trendmodelle stimmen, kann uns das also nicht davor bewahren global soziologisch, ökologisch und okonomisch in den nächsten Jahrzehnten Achterbahn zu fahren.

Das Zeug muss also raus. Ein anderer Ausdruck für: Re-Terraforming. Das haben auch Al Gore und Richard Branson begriffen und haben am 9. Februar den Virgin Earth Challenge ausgelobt. Schlappe 25 Mio $ für:

Eine wirtschaftlich funktionsfähige Technologie, die nachweislich jedes Jahr über die Dauer von 10 Jahren eine Netto-Reduktion von anthropogenen, atmosphärischen Gasen erbringt, und so zur Stabilität des Weltklimas beiträgt.

Ich vermute das wird unter anderem dazu führen, dass Nanotechnologie auf die Liste der möglichen Klimaretter kommt. Al Gore sass übrigens schon 1991 in einem Hearing über molekulare Nanotechnolie, mit Eric Drexler als einem der Referenten.

Auf eine vertrackte Art steht uns in Krisen immer nur die Tür offen, die zu weiterer Komplexität führt. Als ob zunehmende Unwahrscheinlichkeit für die unsichtbare Hand der Evolution das Werkzeug zur eigenen Selbsterkenntnis wäre…

via Jamais Cascio
[tags]Virgin Earth Challenge, Branson, Al Gore, Nanotechnologie, Klima[/tags]

Begriffe des 21. Jahrhunderts

Gerade weil Zukunft mit Begriffen und Bildern in Köpfen beginnt deren Durchblutung nicht von virtuellen oder realen Schlipsen behindert wird, ist es wichtig den mentalen Werkzeugkasten ständig zu putzen und zu beschicken. Der Umgang mit diesen Operatoren unserer Imagination muss gepflegt werden. Man kann in beschleunigten Zeiten keine Aufmerksamkeitshygiene betreiben, wenn die Operatoren des Denkens wegen fehlender Begriffe keine Filter bilden können. Das Resultat ist aktive und passive Contentverstopfung durch Detailblindheit. Catcontent ohne Fell.

Georg Dvorsky hat eine Liste mit Begriffen für unsere Prä-Singularitätszeit vorgeschlagen, die für die verständige Navigation der vor uns liegenden Zeit von entscheidender Bedeutung sein werden. Aus seinen einleitenden Worten geht etwas hervor, das mir, seit ich den Begriff der 3.Kultur bei Brockmann aufschnappte immer schärfer auffällig zu werden scheint: Die Unfähigkeit des durchschnittlichen Intellektuellen anders als negativ kritisch auf die Phalanx dieser zugegebenermassen sehr technologisch geprägten Begriffe zu reagieren. Von positiver utopischer Assimilation gar nicht erst zu reden.

Die Auswahl hier ist subjektiv, der Rest bei Dvorsky. Ich unterstütze den Eigenaufwand bei der Aneignung dieser Begriffe durch provokative Nichtverlinkung.

  • Accelerating Change: Moores Law, Carlson Curve, Inequality
  • Anthropic Principle
  • Artificial General Intelligence, AGI
  • Augmented Reality
  • Bayesian Rationality
  • Cosmological Eschatology, siehe auch: postbiolocial evolution, physical eschatology
  • Engineered Negligible Senescence: siehe auch Aubrey de Grey oder SENS
  • Existential Risks: siehe Nick Bostrum
  • Extended Identity: Online Identity
  • Fermi Paradox
  • Friendly AI
  • Mass Automation; Robotics
  • Memetic Engineering
  • Mind Transfer (Uploading)
  • Molecular Assembler
  • Neurodiversity (Neuroceuticals)
  • Neural Interface Device
  • Noosphere
  • Participatory Panopticon
  • Quantum Computation
  • Radical Luddism
  • Simulation Argument
  • technologische Singularität
  • Natürlich lässt sich die Weiterbildung beschleunigen durch diesen Link. Ich bin ja nicht so. 😉

    [tags]singularität, Singularity, Accelerating change, Dvorsky, AGI, Assembler[/tags]

    Weihnachtslink: Beyond Belief

    Als Antidot zum folkloristischen Höhepunkt in unseren Breiten empfehle ich: Beyond Belief. Die Videomitschnitte der Konferenz und der Diskussionen zeigen einen Querschnitt des modernen, wissenschaftlich orientierten Atheismus. Nächster Termin: Beyond Belief II: November 1-3 2007.

    Die Stille, die da draussen gleich ausbricht bedeutet nicht, das ich ihr mein Schweigen unwidersprochen beimische.

    [tags]Beyond Belief, Atheismus, Wissenschaft, Dawkins[/tags]

    Elektrischer Reporter, No. 10

    Nur ein kleiner Hinweis zur Quelle des letzten Worts der Woche. Das Zitat kam aus einem Eintrag aus dem Jahre 2004.

    Was Dan Gilmore ab 5:08 sagt, trifft sich von einer anderen Seite mit dem was ich zum Aufmerksamkeitsproblem bemerkte. Nicht nur auf Grund der zeitlich begrenzten Resourcen wird es dringend nötig eine wahrscheinlich technische Lösung zu finden, sondern auch weil das Überleben unserer Art davon abhängen kann. Intransparenz ist ein Werkzeug derer, die das Aufmerksamkeitsproblem täglich zu ihrem persönlichen oder systemischen Vorteil ökonomisch und politisch ausnutzen. Die persönliche, tägliche Aufmerksamkeitshygiene ist in diesem riesigen Nullsummenspiel vorläufig nur ein kleiner, individueller Patch für das Betriebssystem des 21. Jahrhunderts.

    Macht und Kreativität

    Beim Nachdenken über die Frage nach den qulitativ hochwertigen Netzwerken des 21.Jahrhunderts, komme ich immer wieder auf die 3 Faktoren Macht – Aufmerksamkeit – Einkommen/Vermögen zurück, die allerdings begrifflich eine deprimierende Sackgasse darstellen.

    Fügt man allerdings ein Snippet zu Luhmanns Begriff des „funktionalen Systems“ hinzu könnte es interessant werden.

    Qualitativ hochwertige Netzwerke hatten und haben immer genügend Macht um ihre Ziele zu realisieren. Das kann über Aufmerksamkeit und/oder Vermögen realisiert werden. Führt aber nur dazu, das die Ziele des jeweiligen gesellschaftlichen Subsystems stabilisiert und mit je anderen Mitteln wiederholt werden.

    Hm. Was führt also aus diesen langweiligen Selbstwiederholungen, systemstabilisierenden Akten und ihren lokal sinnvollen Stargeburten heraus? Kreativität. Jedes neue, qualitativ hochwertige Netzwerk verdankt sich einem Akt gnadenloser Kreativität. Nicht unbedingt Kunst und auf jeden Fall kein Design. Kunst bedarf zwar der Kreativität, bleibt aber im funktionalen Subsystem. Vernissagensumpf.

    Da liegt auch die Spassbremse der ganzen Gespräche rund ums Bloggen fürs Geschäft (PR, Marketing). Sie wollen nicht aus dem System austeigen, es übersteigen, sondern das Subsystem „Wirtschaft“ mit anderen technologischen Mitteln weiterführen, retten.

    So, und wie sehen nun die qualitativ hochwertigen Netzwerke des 21. Jahrhunderts aus? Keine Ahnung, aber vielleicht kann man aus diesen Skizzen einige Eigenschaften ableiten. Es braucht dazu keine technologische Lösung. Ein schmuddeliges Notizbuch reicht. Entscheidend sind die kommunikativen Akte, deren Summe eigentlich das Netzwerk ausmachen und sein ethisches, moralisches Niveau begründen. Die wiederum verpuffen, wenn an den Schnittstellen zur Handlung nicht genügend Klimpergeld in der Form von Aufmerksamkeit (s. Goldhaber) oder Geld vorhanden ist.

    (alles ohne Gewähr)

    Google und Gapminder

    Google hat sich den schon bei Gapminder phantastischen Datenvisualisationen angenommen und noch phantastischer gemacht. So kann etwas aussehen, wenn man will und kann. Die Daten um Regierungsgüte zu vergleichen sind schon lange vorhanden. Aber von Transparenz kann keine Rede sein. Eurostat ist dagegen ein vielleicht gewolltes Datengrab.

    via Google Blogoscoped

    Ergänzung: Ebenfalls bei Google erhältlich ist ein Video über eine Präsentation des Gapminderprojekts. Unbedingt empfehlenswert!