Trans- und Posthuman

Ich muss aus der Hüfte zurückassoziieren. Auch weil ich mir nach dem Delicious-Desaster geschworen habe, so viel wie möglich wieder in meinem eigenen Gehäuse zu veröffentlichen, statt irgendeinem Silo (Twitter, FB, Cloudideologie, etc…) meine Schätze anzuvertrauen, nur um als Contenttroll zu enden.

Kusanowskys neuestes Kabinettstück
verleitet mich direkt an meinen kleinen Text von gestern zum Werk von Zöllner/fatagaga anzuknüpfen. Er frug mich hernach, wo ich denn den Unterschied zwischen Transhumanismus und Posthumanismus sähe? War mir auch nicht so präzise klar, und ich schlug ihm eine Entwicklungslinie von Transhumanismus -> Posthumanismus -> Postbiological vor. Nun, da Kusanowsky an den Posterboys der Popkultur Assange und Zuckerberg etwas weiter rumgenagt hat, wird mir das etwas klarer. Transhumanismus ist halt die Ideologie, die das faustische Subjekt noch weiter bis in alle pupertäre Lächerlichkeit zu retten versucht – was nicht heisst das es nicht geht – und Posthumanismus eben der Versuch aus diesen 6-Million-$-Man-Phantasien auszusteigen. Aber wie gesagt: Disclaimer, weil livegrübeln…

Stefan Zöllner

Vom alten Wegbegleiter wurde ich aufgefordert etwas über sein Schaffen abzusondern. 3 Zeilen für die kurzatmigen Begleithefte der Vernissagenwelt. Und weil ich vermute das mir die Kondensation seines Schaffens aus meiner Sicht vorläufig gelungen ist, hier der Blurb. Schaut euch endlich mal sein Zeug ohne Verstand an, sonst muss ich noch böse werden und mit Tiernamen um mich werfen. Auf der großen Werkschau bei Siepermann (Knirps anybody?) in Wuppertal im März war schon so eine Art Schwellenerwartung ob der noch ausstehenden Anerkennung des Werkes rauszuhören. Da kommt noch mehr. Der kann nicht anders.

Der Zöllner aka fatagaga träumt seit den 80igern in seinen Werken einer undeutlichen Zukunft entgegen, die ihm nun immer häufiger den Begriff Transhumanismus in aller Unschärfe vor die Füsse wirft. Ob er allerdings ohne Bedeutungsverlust diesem Sicherheit versprechenden begrifflichen Regenschirm untergeschoben werden kann, ist das Problem dieses Etiketts, nicht seines Schaffens. Die Dämonie seines Werkes liegt ja auch gerade dort: in den Zipfeln, die sich weigern einem Etikett untergeordnet zu werden, nur um museal zur Strecke gebracht, für Ruhe zu sorgen. Der Stachel in all seinen Dingern ist denn auch der nächste, wirklich konsequente Schritt: Posthumanismus. Transhumanismus kann nur ein erster, schützender Handschuh sein, um sich dem Schmutz des Posthumanismus in seinem Werk anzunähern. Wer den Schritt wagt und die anästhetisierende Wirkung einer künstlerischen Einordnung seines Werkes vermeidet, wird einen Sucher im Auftrag der Philosophia Perennis finden.

Von Veronika über Gesichtsbuch nach Omega

Das Netz so wie wir es kennen, ist vielleicht knapp 5000 Tage alt. Meinen ersten Vortrag über Nanotechnologie, AI und die technologische Singularität habe ich vor circa 4700 Tagen gehalten.

Kevin Kelly meint, wir müssten besser darin werden das Unmögliche für möglich zu halten. Eine durchaus erstrebenswerte, geistige Disziplin. Das kommunikative Rauschen an den Endstellen der großen Maschine führt jedenfalls nur dazu Verständnis zu simulieren. Den Vektor verstehen kann nur, wer seine Begrifflichkeiten und Konzepte soweit entrümpelt, das ihnen der Geruch der säugetierischen Herkunft nicht mehr anhaftet. Verstehen durch Reduktion von Komplexität mittels Metaphern (zB „Social Network“) ist kein Weg, der das wirklich Neue sichtbar werden lässt, ist nur eine Art der Abwärtsreduktion, um unserer Herkunft zu schmeicheln. Die kühle Luft funktionierender neuer Begriffe wird nur aus einem vorweggenommenen Omega geboren, und sind sodann einfach, weil aus fernster, imaginierter Zukunft raffiniert. Den Job kann niemand auch nur im entferntesten verrichten, der in sich Spuren von Mode, Trend oder Popkultur trägt.

Unsere Ichbewusste Existenz ist eine ständig an das Universum gestellte Frage, die wir nur beantworten können in einem Prozess der physischen (Transhumanismus), und geistigen (AGI) Transformation. Sich dieser Frage zu stellen war solange Eskapismus, wie die Antwort nicht machbar war. Unsere Zukunft ist jedoch voller Werkzeuge und Bilder, die eine Antwort zulassen werden. Das, und nicht Geldverdienen mit Blogs oder ob Facebook 15Mrd$ wert ist, ist die Triebfeder der Komplexifizierung (T. Chardin) auf dem 3. Planeten einer durchschnittlichen Sonne.

Erkennensschock: Der Giant Global Graph (GGG)

Als ich heute das Posting von Sir Tim vom 21. zum Giant Global Graph las, kroch mich ein Erkennen an, als ob ich das schon mal gelesen hätte. Plötzlich wusste ich: Etwas ähnliches hatte ich 2004 geschrieben und angedacht und sogar in einer Folge des Elektrischen Reporters als Letztes Wörtchen verbraten.

Jedes Indivduum zielt aus einer bestimmten Lebenssituation auf ein bestimmtes Tupel in diesem Raum. Jedes Individuum nimmt gleichzeitig auch eine aus vielen Tupeln bestehende Untermenge in diesem Wissensraum ein. Die Gesamtmenge der Tupel stellt seinen wissensgesellschaftlichen Wert dar. Dieser kann stagnieren, zunehmen aber nie abnehmen… Die soziale Evolution eskaliert mit neuen Mitteln.“

Damit ist auch mein blogabstinentes Hinterkopfgrübeln über die Diskussion zum sogenannten Social Graph (Beispiel: Fitzpatrick oder Iskold) umschrieben: Verwirrung durch scheinbares Erkennen. Ein Tupel ist für mich ein Punkt in einem dimensionalen Raum, 2 Tupel beschreiben eine Verbindung, einen Graphen halt. Kann sein das das der mathematischen Begriffspräzision nicht ganz genügt, aber meine Mathematik ist leider schon lange einen wunderhübschen Rosttod gestorben. Muss der kongeniale Leser kreativ mit leben 😉

Diese Tupel habe ich damals vollkommen unabhängig von jeweiliger Technologie begriffen. Das was Social Graph oder Giant Global Graph genannt werden kann, ist davon nur eine Untermenge, die epochenabhängig technologisch realisiert wird. Dennoch habe ich wohl teilbewusst zum Begriff Tupel gegriffen, denn der impliziert Berechenbarkeit auf dem Horizont hin zu Computronicum. Das Netz wie wir es heute kennen, kann da wohl nur maximal alle uns aus dem Meatspace bekannten Tupel bestenfalls isomorph abbilden.

Der utopische Druck in diesen Begrifflichkeiten liegt wohl darin, das der Graph nur realisiert werden kann, wenn im ersten Schritt freier Zugang zu den Tupeln gewährleistet ist. Der zweite Schritt wird wohl erst nach einer technologischen Singularität möglich sein: Entfaltung des Potentials aller Tupel hin in wirklich transhumane Räume. Oder anders: Alle Tupel weisen automatisch über den Menschen hinaus weil unsere physische Manifestation nur ein Mediator für diesen Graphen ist.

Na also: Google und Genetik!

Der neue Dienst 23andMe, den Anne Wojcicki und die allgegenwärtige Esther Dyson vor ein paar Tagen gestartet haben, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen, weil damit eine Art Undercover-Crossover zwischen Google und Gentechnik eingeläutet wurde, zum anderen weil es ein schönes Beispiel für die Dynamiken abgibt, die sich durch die zunehmende Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen in den westlichen Staaten ergeben werden.

Es dreht sich nämlich nicht darum das der durchschnittliche westliche Bürger im Jahre 200X luxuriöser als im Jahre 100X lebt, sondern das der überdurchschnittlich verdienende Bürger des Jahres 200x sich informationspraktisch und gesundheitlich mit Riesenschritten von der unterdurchschnittlichen Masse entfernen kann. Die Mittel dafür existieren jetzt, nicht irgendwann. Wenn 50% der Deutschen überhaupt kein Vermögen besitzen um zu sparen, dann haben sie auch keine Mittel um zum Beispiel einen Dienst wie 23andMe zu nutzen um Gesundheitsrisiken vorzubeugen oder massgeschneiderte Medikamente zu beziehen, wenn in ein paar Jahren das 1000$-Genom machbar sein wird.

Niemand wird in naher Zukunft in Deutschland verhungern, und warmes Wasser wird noch längere Zeit aus der Wand kommen, aber ich befürchte die Folgen der zunehmenden Ungleichverteilung werden schleichend an den Grundlagen unserer Gesellschaft nagen.

Welche Folgen hätte es für die Stabilität einer Gesellschaft, wenn sich die Lebensqualität und Lebenserwartung kleiner Teile der Bevölkerung sichtbar erstaunlich verbessert, während der Großteil immer noch glaubt es wäre normal mit etwas Glück 80 zu werden und Alzheimer oder Parkinson zu bekommen?

Ungleiche Zukunft im Sand

Die Zukunft ist, einem Bonmot folgend, wirklich sichtbar ungleich verteilt. Wobei diese Ungleichverteilung gleichzeitig Motor des technologischen Fortschritts ist und Feind jedes utilitaristischen Ansatzes. Physisch sichtbar manifestiert sich diese Ungleichverteilung in diesem geschichtlichen Moment überdeutlich in Nakheel in Abu Dubai. Jeder der auf diesem Planeten nicht um die nächste Miete hadern muss, zieht gerade um in einen feudalistischen Wüstenstaat, um unbehelligt vom Treiben des Plebs jeden denkbaren Wunsch und Luxus zu geniessen. Meine Sorgen um die Möglichkeit eines transhumanen Reichenghettos, dessen Insassen sich moralisch, technologisch und medizinisch vom Rest des Planeten abkoppeln, scheinen dort im Sand Wirklichkeit zu werden.

Dort in der Wüste erhebt sich ein unwahrscheinliches Zentrum der Negentropie, das sich aus der Dynamik eines Systems nährt, dessen unbewusster Vektor von Ungleichverteilung angetrieben immer höhere Zustände der Komplexität anstrebt. 80 Proszessorkerne auf einem Chip und ein 810 Meter hoher Turm voller sinnensatter Körper sind zwei Enden des gleichen Taumels.

Peter Thiel spendet 3,5 Mio $ an die Methusaleh Foundation

Peter Thiel, der ein bischen Klimpergeld aus dem Verkauf von PayPal an eBay übrig hat, spendet 3,5 Millionen Dollar an die Methuselah Foundation. Darüber hinaus will er bis 2009 auf jeden Spendendollar 50 Cent drauflegen.

Thiel ist heute Gründer und Managing Member von Clarium Capital, die auch dem Singularity Institut Obdach gewähren. Damit wird Thiel langsam zum herausragendsten Förderer der brisantesten und konstruktivsten Forschungszweige auf diesem Planeten: radikale Langlebigkeit und allgemeine künstliche Intelligenz (AGI), noch weit vor Kurzweil, der mit schlappen 5050$ beweist auf welches Pferd er wirklich setzt.

Nur indem man die Lücke zwischen Wissenschaftlichkeit und Vision mutig überspringt, kann man Wetten auf die Zukunft gewinnen. Alle anderen werden bloss recht behalten.

Arbeitsanweisung

Mit eigenen Schritten durch die Spiegelhallen unserer Filterwelten schreiten, den Reflex reflektieren. Wissen, das jeder Impuls säugetierische Reichweite hat. Veränderung bejahen, Vergänglichkeit bekämpfen, den glitzernden Grund der Vernunft herbeisehnen. Weitergehen wo die Kraft versagt. Innehalten wo Rausch regiert. Erinnern und erinnern…

Immer wieder den Staub des täglich neu andrängenden, modischen abklopfen und sich besinnen. Rückkehr zu den Konstanten Stern, Stein und Weite. Den Entwurf im Geringsten entdecken. Sich gegen die schütteren Geister taub machen.

Die Glut der Doppelhelix treibt seine Träger über sich selbst hinaus.

SENS-Hypothesen von Aubrey de Grey halten Prüfung stand

Wie vor fast einem Jahr hier schon mal berichtet, hatte die Technology Review auf Initiative des Chefredakteurs Jason Pontin ein Preisgeld von 20 000$ für denjenigen ausgesetzt, der darlegen kann, das die SENS-Hypothesen von Aubrey de Grey „…derart falsch sind, das sie keiner akademischen Debatte würdig sind“.

Was folgte, war das gewohnte Schweigen, das schon für Pontin der Anlass zu diesem ungewöhnlichen Aufruf war. Schliesslich wurden doch noch vor ein paar Monaten 3 Kritiken eingereicht, auf die de Grey auch anwortete.

Nun fehlte nur noch eine Jury, deren Mitglieder ihre Denkfähigkeit genügend unter Beweis gestellt hatten um zu allgemein aktzeptierten Schlüssen zu kommen. Ich weiss nicht an welchen Schrauben da gedreht wurde, aber schliesslich gehörten unter anderem Craig Venter, Nathan Myhrvold und Rodney Brooks zu den Juroren. Nicht schlecht. Fehlende logische Schlussfähigkeit kann man diesen Zeigenossen nicht unterstellen. Eher vielleicht ein gewisses Interesse an der Thematik. Gerade bei Nathan Myhrvold gibt es Befürchtungen, das er sich mit seiner Firma Intellectual Ventures zu einem Darth Vather des technologischen Fortschritts entwickeln könnte. Die Biochemie des Alterns mittels Unmengen von Sperrpatenten in den Händen eines EX-Microsoft Milliardärs. Na, wie klingt das? – War nur Spass.

Ok, weiter. Und es begab sich, das gestern das hohe Gremium kreiste und verlauten liess, das die kritisierenden Herrschaften ihr Ziel der Wiederlegung nicht erreicht hätten, obwohl usw…(Eiertanz gekürzt). Es wäre grundsätzlich zu bemängeln das sie zu schnell mit ihren persönlichen Angriffen und dem „name calling“ wären. LEO meint eine „ordinäre Beschimpfung“ käme dem recht nahe. Wissenschaftler, die andere Wissenschaftler beschimpfen? Unmöglich. Da sei Popper vor!

Um die Beschimpfenden zu besänftigen, wurde dem am wenigsten Schimpfenden ein Zuckerl in der Höhe der Hälfte des Preisgeldes überreicht, allerdings ohne die Zustimmung der Methuselah Foundation, die die andere Hälfte gespendet hatte.

Nachdem nun also die SENS-Hypothesen soweit bestätigt worden sind, das ein junger Wissenschaftler nicht gleich befürchten muss seine Karriere zu ruinieren, wenn er mit dem Namen de Grey in Verbindung gebracht wird, können wir gemeinen Alternden endlich darauf hoffen das ein wenig Bewegung in die Betonwände uralter Glaubenssysteme kommt.