Das kann doch nicht alles gewesen sein!

Zur Feier des gestrigen Towel-Day habe ich es tatsächlich geschafft ein Bruce Willis Filmzitat in einem Vortrag über Zukunft, Kardashew, Nanotechnologie, AGI, Singularity Summit und Singularity University unterzubringen.

Da ich nicht zur Garde der Folienvorleser gehöre, sondern davon ausgehe das die physische Anwesenheit eines Vortragenden irgend etwas mit seiner – auch intellektuellen – Anwesenheit zu tun haben muss, sind die Folien natürlich ohne meine Live-Worte nur ein interessanter Bildreigen. Die Aufgabe für die Klasse also: Erzähle die Geschichte zu diesen Bildern! Abgabetermin 2049.

 

 

Nochmals Danke an den Dozenten Tim Bruysten für die Einladung nach Aachen. Die anschliessende Diskussion mit den Studenten zeigte, das die Thematik zwar verstanden wurde, mir persönlich war da aber zu wenig Wow! in der Erkenntnis, das vieles davon im Bereich der Lebensplanung eines 20jährigen liegt. Ich fühlte mich ein wenig an einen meiner ersten Blogeinträge aus dem Jahre 2003 erinnert. Was kommt nach Anything goes? Beim anschliessenden analogen Bier im Last Exit hat sich für mich dieser Eindruck noch bestätigt. Wer heute in dieser „Anything-goes-Welt“ lebt, deren Beschreibung vor 30 Jahren für einen veritablen Science Fiction gereicht hätte, managt seine Lebenswelt besser mit einem kleineren Zeithorizont. Dennoch wird jemand, der auch mit extremen Zukünften jonglieren kann unsere turbulente Gegenwart erfolgreicher filtern können.

Ohne Garantien für weitere Posting kann ich sagen: Hat sich gut angefühlt mal wieder zu bloggen. Ist noch jemand da? 😉

Nicht in Kansas

Aber in Essen. Ich weiss nicht welche Pille einige der anwesenden Zuhörer letztendlich gewählt haben, gut unterhalten worden sind sie allemal. Niemand hat sich gelangweilt obwohl statt der angepeilten maximal 40 Minuten, derer 60 wie im Fluge verschwanden. Dafür gab es ein ordentliches futuristisches Schleudertrauma mit 1 x Kardashev und zurück. Die Frage was Web2.0 denn sei, nimmt sich dagegen wie eine Nematodenverdauungsstörung aus.

Wer nicht da war – und das waren leider viel zu viele – wird vielleicht später die von Herrn Sixtus mit allem technischen Vodoo gevideobannte Fassung bewundern können. Derweil ich noch an einer Linkliste bastele und in der Zwischenzeit eine PDF-Fassung der Folien dieses Singularitätsvortrags (7Mb) auf Anfrage anbiete. Wer damit nix anfangen kann, darf mich ruhig für einen Vortrag buchen.

Virgin Earth Challenge: Technologie als Klimaretter

Wenn sich alle morgen an den Händen fassen und plötzlich unheimlich dolle umweltbewusst werden – auch die Essers und Breuers der Welt – dann könnte innerhalb von 10 Jahren sehr viel weniger CO2 in der Atmosphäre landen. Die Mengen, die wir allerdings bis heute auf ihre Reise in die Atmosphäre geschickt haben, hindert das nicht, sich in die vertrackten Feedbackschleifen des Klimas einzureihen und für Unbill in den nächsten Jahrzehnten zu sorgen.

Wenn alle Trendmodelle stimmen, kann uns das also nicht davor bewahren global soziologisch, ökologisch und okonomisch in den nächsten Jahrzehnten Achterbahn zu fahren.

Das Zeug muss also raus. Ein anderer Ausdruck für: Re-Terraforming. Das haben auch Al Gore und Richard Branson begriffen und haben am 9. Februar den Virgin Earth Challenge ausgelobt. Schlappe 25 Mio $ für:

Eine wirtschaftlich funktionsfähige Technologie, die nachweislich jedes Jahr über die Dauer von 10 Jahren eine Netto-Reduktion von anthropogenen, atmosphärischen Gasen erbringt, und so zur Stabilität des Weltklimas beiträgt.

Ich vermute das wird unter anderem dazu führen, dass Nanotechnologie auf die Liste der möglichen Klimaretter kommt. Al Gore sass übrigens schon 1991 in einem Hearing über molekulare Nanotechnolie, mit Eric Drexler als einem der Referenten.

Auf eine vertrackte Art steht uns in Krisen immer nur die Tür offen, die zu weiterer Komplexität führt. Als ob zunehmende Unwahrscheinlichkeit für die unsichtbare Hand der Evolution das Werkzeug zur eigenen Selbsterkenntnis wäre…

via Jamais Cascio
[tags]Virgin Earth Challenge, Branson, Al Gore, Nanotechnologie, Klima[/tags]

Wo spielt die Musik?

Man stelle sich vor: Bunzklazerin Merkel weist ausdrücklich in einer Rede zur Eröffnung eines Technologiezentrums in Eckernförde auf die Verdienste von Richard Feynman und Eric Drexler um die Grundlagen der Nanotechnologie hin und legt den versammelten Honoratioren aus Schützenverein, Handwerkskammer und Germanistenbund gar Nanosystems, das vor schlappen 15 Jahren erschienene Grundlagenwerk zur molekularen Nanotechnologie ans Herz. Undenkbar?! Stimmt. Undenkbar. Hierorts reicht die Erwähnung von Eric Drexler um einem Physiker viel Freizeit zu verschaffen.

Woanders können aber Märchen wahr werden. Zum Beispiel in einem Land mit über 1 Milliarde Menschen, in dem pro Jahr über 100 000 Ingenieure ihren Abschluss machen, während in der Bunzruplik die Immatrikulationen im Fach Informatik abnehmen. Zur Rettung der Schlipsindustrie ist BWL schliesslich wichtiger.

Krass konkret: Der Präsident der Bundesrepublik Indien, Dr. A.P.J. Abdul Kalam hat in einer Rede zur Grundsteinlegung des International Institute of Information Technology in Bhubaneswar folgende honigsüssen Worte unter die Menge gestreut:

When I think of Nanoscience and Nanotechnology, I would like to discuss about three scientists who have laid the foundation on nanoscience and nanotechnology. Mr. Richard Feynman, who described the concept of ‚building machines“ atom by atom in his talk at Caltech titled „There is plenty of room at the bottom“. Mr. Eric Drexler, who wrote the book titled ‚Nano Systems, Molecular machinery, manufacturing and computation“. Prof CNR Rao, who pioneered and fostered the nanoscience research in India.

Es kann natürlich sein, das sich der Ghostwriter lediglich vergooglet hat, ohne zu ahnen wen er da ins Licht der Öffentlichkeit zerren würde. Es kann aber auch sein, das die Person, die massgeblich für das indische Satellitenprogramm zuständig war und der Kommission „Technology Vision 2020“ vorstand, weiss wovon sie spricht und nun in ihrer Rolle als Präsident Indiens etwas vorantreibt, dessen alleinige Erwähnung andernorts nicht opportun wäre.

Wo Vision und Utopie überleben, kann nie im voraus gesagt werden. Wie Wasser, so sucht sich der Gradient der Neg-Entropie einen Weg, der keine Rücksicht auf die Rücksichtslosen nimmt. Vormalige Höhepunkte der Zivilisation sind nur Geröll in einer Schneise der Komplexifikation deren Ende immer ein Anfang ist.

via CRN

Video über Lebensverlängerung

Das Immortality Institut hat einen 1h45min Video über Lebensverlängerung produziert, der über Google Video zur Verfügung steht. Rappelvoll mit Interviews der üblichen Verdächtigen, die seit Anfang der 90iger auf diesem Feld und der logischen Verlängerung „technologische Singularität“ auffällig geworden sind. Das sagt sich so einfach im Jahre 2006, ist aber wieder nur ein Beispiel für beschleunigten technologischen Fortschritt. Damals nur Textfetzen in Lynx, das ich per Telnet in Freiburg auf einem Laborrechner starten musste um es über einen Zugang der Uni-Düsseldorf mit einem 12000er Modem rüber zu schaufeln – heute per Video und ein Click entfernt. So ein Video ändert natürlich nichts an den grundsätzlichen Problemen jeder Futuristik. Allenfalls, das die Eindrücklichkeit, mit der der Aufmerksamkeit heischende, serielle Kanal Video es ermöglicht aus Wahrscheinlichkeiten Bilder entstehen zu lassen, die eine unserer möglichen Zukünfte beschreiben. Um allen auf die Sprünge zu helfen, für die ein einfacher Textbeitrag nicht reicht um ihre Vorstellungskraft auf Touren zu bringen.

Richard Smalley tot

Richard Smalley, der mit 2 Kollegen 1996 den Chemienobelpreis für die Buckyballs erhielt ist am 28. Oktober an den Folgen einer Leukemie verstorben.

Wer die Diskussionen rund um Nanotechnologie seit 10 Jahren verfolgt, insbesondere Bottom-Up Ansätze ala Drexler, dem ist Smalley in den letzten Jahren als einer der härtesten Widersacher Drexlers aufgefallen. Gerade in der Zeit kurz vor und nach der Verteilung der enormen Summen die von Bush für Nanotechnologie bereitgestellt wurden.

Die technologische Singularität und die Wissenschaft

Ein Leser fragt in den Kommentaren ob sich die traditionelle, wissenschaftliche Welt mit dem Konzept der technologischen Singularität auseinandersetzt. Interessante Frage. Wohl kaum. Besonders in Deutschland nicht. Hier kann man seine wissenschaftliche Karriere schon beenden, wenn man Eric Drexler erwähnt. Futuristik oder Techniksoziologie schubbert sich hier an Fragen wie: Was ist wenn alle Bäume tot sind oder wie entwickelt sich der Arbeitsmarkt wenn alle einen iPod haben.

Das Szenario selbst wird und wurde schon seit den 30iger Jahren – vielleicht nicht unter dem Begriff – immer mal wieder erwähnt. Im Rahmen der sogenannten „Wissenschaftswissenschaft“ oder Scientometrie, nicht zu verwechseln mit Wissenschaftstheorie hat man sich schon damals mit der Beschleunigung des Wissenszuwachses auseinandergesetzt. Die einschlägigen Verdächtigen hiessen damals Flash Go… äh… Genadij Dobrow oder Derek J. de Solla Price. John v. Neumann hat ebenfalls mal an einem schönen Nachmittag über die Folgen einer künstlichen Intelligenz nachgedacht. Im Bereich der Kosmologie implizieren die 3 Zivilisationsstadien von Kardashev natürlich etwas singularitätsartiges. Von Kardashev hat auch Dyson die nach ihm benannten Dyson-Spären abgeleitet. Eine gute Übersicht findet man bei Bradbury. Seit den 80igern findet man genug Äusserungen von Wissenschaftlern, die eins und eins zusammenaddieren konnten und spätestens seit Drexler müsste jedem klar sein, das wer Nano oder/und AI sagt, Singularität meint.

Explizit gelehrt über den Begriff und das Konzept Singularität wird meines Wissen nicht. Ist auch klar. Das wird sich auch nach der eigenwilligen Schwarte von Herrn Kurzweil nicht ändern. Es ist ein Szenario unter vielen mit einer uns unbekannten Wahrscheinlichkeit und meines Erachtens zu radikal um aufs Katheter zu dürfen. Die Klimaforschungsindustrie steht da besser da. Da wird mit Milliarden über ein Zukunftsszenario geforscht das einen Zeithorizont von über 100 Jahren hat. Dagegen lauern die Folgen der Nanotechnologie oder künstlichen Intelligenz geradezu am Wochenende. Diese Disparität in der Wahrnehmung ist eines der großen Welträtsel.

Singularität, AI und Bottom Up Nanotechnologie

Beliebte Themen gerade in transhumanistischen Zirkeln sind natürlich AI, Nanotechnologie und die ganze SF-beeinflusste Gadgeteria. Was mir allerdings immer wie die berühmte Redewendung „…ein bischen schwanger“ erscheint. Ein „bischen schwanger“ könnte man auch als einen Euphemismus für selbstauferlegtes Denk- oder Phantasieverbot bezeichnen, wenn man von einer aktiven Entscheidung ausgeht, nicht weiterzudenken. Geht man von einem passiven Ergebnis aus, kämen nur insuffiziente kognitive Prozesse in Frage ;-). Mithin möchte ich formulieren:

Über künstliche Intelligenz, Bottom-Up Nanotechnologie, Global Brain etc. zu reden ohne Singularität zu meinen, ist wie ein bischen schwanger sein.

Für die Bewertung der meisten sogenannten futuristischen Themen bedeutet das natürlich einen ganz anderen Focus und eine ganz andere Bewertungsskala (backwards chaining). Auf diesem Hintergrund sind gerade viele Themen des sogenannten Transhumanismus maximal SL3, wenn überhaupt. Eine andere Begründung wäre ein aktives, selbstauferlegtes Denkverbot in dieser Richtung aus Gründen des Pragmatismus. Wie man es jedoch dreht und wendet: immer steckt implizit entweder die Unfähigkeit weiterzudenken mit drin, oder Gründe den Schritt von AI+1 nach Singularität für unmöglich zu halten. Sozusagen nicht an die Geburt nach der Befruchtung zu glauben. Dafür gibt es einen speziellen Begriff.

Hype: Die Differenz zur Wirklichkeit

Wie öfters betont besteht unsere natürliche Reaktion auf exponentielle Prozesse in der Überschätzung der nahen Zukunft und der Unterschätzung der fernen Zukunft. Diese Differenz ist das Milieu der Hasardeure, Soziopathen und Abzocker. Seit der Tulip Mania im Jahre 1635. Wenn in unserer technisch-wissenschaftlichen Gegenwart einige dieser exponentiellen Prozesse aktiv sind, heisst das auch, das die Typologie des Hochstaplers, der das Vakuum zwischen Überschätzung und technologischer Realität für seine Zwecke ausnutzt, Hochkonjunktur hat. Zumal in einer Gesellschaft, in der trotz aller vordergründigen Bemühungen und Apelle humanistische Bildung immer noch höher geschätzt wird als Naturwissenschaften.

Das nächste große Betätigungsfeld in dieser Hinsicht wird wohl leider Nanotechnologie sein. Schon jetzt stehen die VC-Lemminge in USA und Hückeswaaden Schlange um geschlachtet zu werden. Nanotechnologiekompetenzzentrum. Und andere Wortungetüme. Besser noch: Nanotechnologiegründerkompetenzzentrum. Ein weiteres Feld: „Soziale Software“.

Bei aller Häme sollte man allerdings folgenden Vergleich bedenken: Wenn Restaurants der große Next Big Thing Hype wären und in einer Stadt, die nur 1 Restaurant verkraftet gleich 100 aufgemacht würden (mit 99 voraussehbaren Pleiten), dann heisst das nicht das das Technologie- und Geschäftmodell „Restaurant“ den Gesetzen der Physik wiederspricht (adaptiert von R. Kurzweil).

Die Trends bestehen ganz klar und nehmen keine Rücksicht darauf wer von wem wie raffiniert betrogen wird. Egal ob mit Tulpen, Stahl, Internet oder Molekülen.

Die 3 Säulen einer Singularität

Die 3 Säulen der Singularitäts-Hypothese sind soweit ich das überblicke:

Künstliche Intelligenz
Nanotechnologie (bottom-up)
AI (augmented intelligence)

Robotik bringt nur Unordnung in den prä-Singularitätsschlamassel, ist also nur revolutionär… 😉

2 Eigenschaften dieser 3 Gebiete treiben die Wahrscheinlichkeit für ein Singularitäts-Szenario in unangenehme Höhen. Einerseits gibt es DIE künstliche Intelligenz genauso wenig wie es DIE Nanotechnologie oder DAS Gebiet der Augmented Intelligence gibt. Weil jede dieser Disziplinen aus hunderten von Projekten besteht, die in vielen Nationen über den ganzen Globus verstreut täglich scheitern oder neu erfunden werden.

Über Jahrzehnte findet ein verteiltes Schrotschiessen auf ein Ziel statt, das noch nicht einmal den Zielenden explizit bekannt sein muss. Innerhalb der Noosphäre findet also ein evolutiver Auswahlprozeß statt, der nur maximale Verdichtung und Unwahrscheinlichkeit als Gradienten anerkennt. Der andere Faktor ist (Gähn) natürlich Moores Law.

In allen 3 Gebieten wird täglich in großen, vitalisierenden Schlucken aus dem sea of gates getrunken, um uns regelmässig Verdauungsprodukte zu servieren, die bis zur Unverdaulichkeit futuristisch sein können. Wesentlich ist aber, das diese Verdauungsprodukte zum Teil die Diät des Kochs sind und ihn im 18-monatigen Rhythmus rosiger und kräftiger werden lassen. Bon Appetit!