Vom Weitergehen

Wenn etwas wirklich weitergeht, dann meist nicht dort wo der "Schwung der Figur" sie hätte hintragen sollen. Die selbstversichernde Identitäts- und Öffentlichkeitssimulation Bloggen muss da schon hin und wieder etwas gebrochen werden, denn "was sich ins Bleiben verschliesst, schon ist´s das Erstarrte." In diesem Sinne sind auch die seit fast einem Jahr stattfindenden Gespräche zwischen Dr. Jay, Tim Bruysten und mir zu verstehen:"...entzückt durch das heiter Geschaffne, das mit Anfang oft schließt und mit Ende beginnt." Seit Anfang des Jahres auch als Video in un- nicht postmoderner Überlänge zu verfolgen. Das geistige Mäandern der Beteiligten entspricht der zunehmenden Kontingenz der Zeitläufte. Komplexitätsreduktion durch pointierte Antworten ist nur zwischen den Zeilen und Personen zu erwarten. Wenn das so weitergeht schwant mir noch ein Zusammenhang zwischen Systemtheorie, Utopie, Futurismus, technologischer Beschleunigung, Parallelität, Abstraktion, Kontingenz, Postmoderne, Elena Esposito, Ästhetik, Thermodynamik, Wurst, Teilhard de Chardin, En- und Ektropy, Inequality, Komplexität und einem Sonnenuntergang am Meer in Holland. Zwischen Rundumschlägen und Rodungen besteht ein fruchtbarer Zusammenhang.

Keine Kreativität

Es gibt kein Wesen der Kreativität. Einzig Grade der Durchlässigkeit für den Strom des Pfeils der Zeit vom Anbeginn zum Omega. Undurchlässigkeit manifestiert sich findig und gibt sich vorgeblich als der eigentliche Grund aus, von dem wir springen sollen. Die wissenschaftliche Methode und die Pforten der Kunstwerke sind dem Ego abgerungene Listen, die Brücke zwischen Alpha und Omega zu gehen.

Replik

Der Versuch dieser jungen Dame ist so beleidigend linear, wenngleich anregend, das man ihn nur aus dem hoffärtigen Egozentrismus eines bestimmten Lebensalters und einer spezifischen geistigen Disposition erklären kann. Die dreifache Menge an Leben (52) äussert sich eben nicht nur in Falten, sondern auch in Überschuss, den ein drittel großer Fetzen (17) kaum bedeckt.

Auch wenn unsere digitale Existenz scheinbar gleich daher kommt und scheinbar gleich zugänglich, nämlich klickbar ist, – dahinter verbergen sich unterschiedlichste quantitative und qualitative existentielle Stränge, die nie identisch gemacht werden können. Der Ruf nach Verständlichkeit (Tilgung: für wen?) und Einfachheit, ist so alt wie die introjizierte Warenwelt: Ich will Wurst im Gegenwert von 3,50. Wehe, ich muss kauen, wehe, ein Geschmack stellt sich ein, wehe, es weicht ab von dem was meine Peergoup frisst. Abweichung wird nur toleriert wenn sie in den normierten, reproduzierbaren Erscheinungsformen und Haltungen der Popkultur daherkommt, die Form einer klaren Bedienungsanleitung annimmt (Pushbutton Intellekt) oder genügend sinnlich aufreizend ist um auf dem schwankenden Boden einer unklaren Identität vorübergehend den Schwindel zu betäuben. Solange man Identität sucht, ist Ambiguität unerträglich.

Obwohl Wissenschaft unser bester Besen ist, um den Grund zu fegen auf dem wir stehen, lässt sich schlecht mit einem Besen tanzen. Zukunft wird zwar durch klaren Boden bereitet, aber durch den aufgewirbelten Staub schauen kann nur, wer willens ist Umrisse als das gelten zu lassen.

Elektrischer Reporter, No. 10

Nur ein kleiner Hinweis zur Quelle des letzten Worts der Woche. Das Zitat kam aus einem Eintrag aus dem Jahre 2004.

Was Dan Gilmore ab 5:08 sagt, trifft sich von einer anderen Seite mit dem was ich zum Aufmerksamkeitsproblem bemerkte. Nicht nur auf Grund der zeitlich begrenzten Resourcen wird es dringend nötig eine wahrscheinlich technische Lösung zu finden, sondern auch weil das Überleben unserer Art davon abhängen kann. Intransparenz ist ein Werkzeug derer, die das Aufmerksamkeitsproblem täglich zu ihrem persönlichen oder systemischen Vorteil ökonomisch und politisch ausnutzen. Die persönliche, tägliche Aufmerksamkeitshygiene ist in diesem riesigen Nullsummenspiel vorläufig nur ein kleiner, individueller Patch für das Betriebssystem des 21. Jahrhunderts.

Plateau 27

Wir selbst sind die findigen Tiere die deuten und merken, deren größte Werke jedoch immer nur eins bleiben: für uns. Die Wagenburg jeder Kultur brandet jedoch in vergeblicher Schönheit an die Schultern eines Orionnebels, steht ratlos still vor jeder Galaxie. Kein wirklich Fremdes kann rufen, nur aus den Tiefen unseres eigenen Rätsels locken. Diesen Ruf zu ignorieren ist würdelos. Ein würdiger Mensch kann nie ignorant sein und muss an der Grenze zwischen Kultur und Kosmos leben.

Utopie und Fortschritt

Manchmal braucht es Zeit und ein Stichwort, um die Wurzeln des eigenen Antriebs zu verstehen. In Kreisen treibt man um den eigenen Turm, getrieben, hinauf oder hinunter zu schauen.

Utopie ist nicht Vision, schon gar nicht Fortschritt. Fortschritt kann Vision sein, Vision kommt oft ohne Fortschritt aus. Das was mich seit je am Thema Zukunft fasziniert ist die Möglichkeit, mittels Technologie Utopien zu realisieren. Utopieloser Fortschritt, wie er von den manischen Geschäftsmodelljägern täglich weltweit „implementiert“ wird, ist damit auf jeden Fall nicht gemeint. Roboter für die Altenpflege sollen uns zwar als Fortschritt verkauft werden, sind aber Utopiekiller ersten Grades und kurieren nur Symptome. Im Gegensatz dazu ist Aubrey de Grey ein Utopist im besten Sinne, der eine Vision hat und den technologischen Fortschritt nutzt, um Ursachen des Alterns zu bekämpfen und einen uralten Menschheitstraum zu realisieren.

So wie der Begriff Utopie von Thomas Morus bis Ernst Bloch mit Bedeutung aufgeladen wurde, kann er uns in turbulenten Zeiten davor retten einem Shareholder-Value-Begriff von Zukunft aufzusitzen, der nur dazu dient hinter der Nebelwand der Gadgets transhumane Superreichenghettos zu errichten.

Utopie ist ein evolutionärer Vektor der, wenn er um des eigenen Vorteils willen missachtet wird, alles Leben aus Ideen, Erfindungen und Visionen saugt.

Ach, weisst Du…

Jede künstlerische Form ist auch das Resultat der Erkenntnis nie genug Zeit zu haben. Solange mir keiner garantiert noch ein paar Jahrhunderte Zeit zu haben, muss verkürzt, kondensiert und abstrahiert werden. Wer das Kondensat jeder Erscheinung nicht durchdringt oder durchdringen will, scheitert auch an der eigenen Einmaligkeit, ist Gemüse im Angesicht dieser beknackten Emergenz „Ich“ und glaubt was andere Emergenzen ihm einflüstern. Jeder Grund ist steinig, jede Höhe weisend. Rettet mir bitte die Utopie in allem Fortschritt; wer in allem bloss das Geschäftmodell sucht, steht zum Schluss mit leeren Händen da.

Your Thoughts Are Your Password!

Vor einiger Zeit erschien bei Wired ein Artikel über eine Technologie zur Zugangskontrolle, die zu diesem Zweck das Muster der Gehirnströme auswertet. Im Chat mit Herrn Bruysten missverstand ich diese Überschrift. Ich interpretierte sie als: Deine Gedanken sind Dein Passwort! Was ich schreibe und denke ist der Ausweis dessen was ich in ein Netzwerk einbringen kann und innerhalb der kleinen Netze der Blogosspäre auch de facto (fast) täglich einbringe. Bestenfalls nähert sich bloggen dem Stream of Consciousness, der, weil annähernd spontan, kein gefaktes Niveau darstellen kann.

Crowdsourcing

Da schafft es ein Begriff innerhalb einer Woche memetische Dynamik aufzunehmen: Crowdsourcing. Ob er griffiger oder mehr begriffliche Kraft als „Long Tail“ und seine Verwandten hat, wird sich erweisen. Mir scheint, das bei der Schaffung derartiger Begriffe nicht unwesentlich ist, welche Personen und welche Netzwerke an der Wiege standen. In diesem Fall Jeff Howe, Bruce Sterling und Wired. Für mich deutet das auf ein Element der Lösung des Attentionproblems hin: Die Eliminierung des Individuums und die Verlagerung auf Netzwerke. You have to let go. Not to grab, like O´Reilly. Ein weiteres Element ist die Qualität der Netzwerke. Madame de Stael hätte in ihrem Salon auch nicht jeden jedem vorgestellt. Die Reputation des einzelnen Elements in einem Netzwerk hängt sehr von der Qualität der anderen Elemente ab. Das nicht zu begreifen (Wie Herr Basic im Falle Promny) ist wieder eine Aussage über die Qualität eines Netzwerkes. In qualitativ hochwertigen Netzwerken kann das Individuum verschwinden und den Erkenntnisprozess tragen. Im 21. Jahrhundert bringen nur qualitativ niedrige Netzwerke Stars hervor.

Das Blog zum Mem