Digitalisierung

Heute abend im Geplauder (Video folgt) mit den Herren Bruysten und J. über die momentanen, weltweiten restaurativen Tendenzen schwante mir folgendes:

Die evolutionäre Tendenz zur Digitalisierung ist selbst digital.

Exegese: Die Konflikte, die die totale Digitalisierung heraufbeschwört, könnten dazu führen das es in the long run nur ein binäres Ergebnis gibt. Computronicum oder Steinzeit. Die Verwerfungen, die wir mit Wikileaks, JMstV, Urheberrecht, Genetik (ebenfalls eine digitale Disziplin) und sonstwas erleben, erzeugen derart große widerstrebende Tendenzen, das sie sich zu einer Zerreißprobe der gesamten Zivilisation auswachsen könnten. Nein werden. Was auf jeden Fall dabei auf der Strecke bleiben wird, sind die jetzigen Verhältnisse, die jetzigen Systemdynamiken, die heutigen Organisationsverhältnisse, das moderne Menschenbild. Wir haben die Folgen einer totalen Digitalisierung noch nicht im Ansatz begonnen zu begreifen. Und wieder sehe ich nur eine Möglichkeit: Beschleunigung der Beschleunigung.

3 Kommentare zu „Digitalisierung

  1. „Und wieder sehe ich nur eine Möglichkeit: Beschleunigung der Beschleunigung.“

    Ja, so sehe ich das auch. Ein Gedanke, der mich im Moment sehr stark fasziniert ist die Analyse der Warenform bei Karl Marx. Das Interessante daran ist, dass bei Marx ein Verständnis dafür angelegt ist, welche Art von Gesellschaft (einschließlich der Möglichkeiten ihrer Selbstbeschreibung) entsteht, wenn sie eine Theorie über sich selbst auf der Basis eines Warencharakters dieser Realität formuliert. Wenn also alles als Ware verstehbar wird, ist alles, was verstehbar wird, nur durch die Warenstruktur evident zu machen. Alles andere fällt heraus. Allerdings fehlt bei Marx noch ein Nachdenken darüber, was denn die Einheit der Unterscheidung von Geld und Ware ist. Ich tippe da auf „Dokument“, da ja auch unser sog. stoffwertloses Geld nichts anderes ist als die Dokumentation eines Zahlungsversprechens, und eine Ware dokumentiert gleichsam einen Eigentumsstitel, durch den Inklusions- und Exklusionsregeln vermittelt werden.
    Was passiert nun, wenn sich die Warenform, allgemeiner: die Dokumentform auflöst? Das geschieht gegenwärtig durch Digitialisierung.

    Der Kapitalismus scheint mir daher nicht auf die Gespenster vorbereitet zu sein, die er selbst in die Welt setzt. Und jetzt?

  2. „Und wieder sehe ich nur eine Möglichkeit: Beschleunigung der Beschleunigung.“

    Das ist ein gutgemeinter Vorsatz, aber er geht nach hinten los. Dialektische Grundregel: Beschleunigung der Beschleunigung verlangsamt!

  3. Interessant das man aus verschiedenen Richtungen zu ähnlichen Ergebnissen kommen kann. Sagt was über den Gegenstand der Betrachtung aus. Als das Warendings allerdings dran war hab ich leider gefehlt.

    „Wenn also alles als Ware verstehbar wird, ist alles, was verstehbar wird, nur durch die Warenstruktur evident zu machen.“ Hat das Anklänge an Guy Debord?

    Wenn gesellschaftliche Evolution ihrem Begriff gerecht sein soll, dann ist keine Gesellschaftsform auf die Gespenster vorbereitet die ihre innere Dynamik notwendigerweise hervorbringt. Frage ist lediglich wie man weitere Evolution aufrechterhält ohne sich den größten Darwinaward im Umkreis von 12 Lichtjahren einzufangen.

Kommentare sind geschlossen.