Artefakte röntgen

Taucht ein Gadget auf, gilt es dies so zu betrachten, als ob es in sich einen Vektor trägt. Dieser Vektor darf nur betrachtet werden nachdem von allem unwesentlichen abstrahiert wurde. Dazu gehört zu allererst das Design. Der tief im Gadget wohnende Vektor zeigt auf die Kette seiner Nachfolger. Zeigt er nur auf sich, wird selbstreferentiell, handelt es sich um Mode. Woraus folgt, das die zukunftsträchtigsten Geräte mitunter die hässlichsten sind und einzig über sich hinausweisen. Dies ist eine Art zu wägen, die nicht verkauft werden kann, oder dies gar erschwert. In einer Zukunft voller exponentieller Parameter ist das Unglaubliche der Feind des Krämers.

Teilhard de Chardin, 2 Zitate aus dem Jahr 1951

Herr Sixtus reflektiert im Mehrzweckbeutel über „Weit weg“. Und ich schlage reflexartig einen Bogen zu meiner gestrigen Zuglektüre vom Mann aus dem Garten. Wenn man erst einmal die schlechte Übersetzung, den zeitlichen Abstand und seine spezielle Art sich unverständlich zu machen in die Filteroptionen aufgenommen hat, ist Herr Chardin ein Steinbruch für jeden, der die Zeit vor uns zu ergründen versucht. Ich bin jedenfalls regelmässig nach ein paar Seiten geplättet.

…Vor uns, von nun an, in der Zeit nicht nur eine größere Zahl von Menschen. Sogar nicht einmal nur eine größere Intensität des Menschseins. Sondern die Konzentration alles Humanen in ein einziges ko-reflektierendes System planetarer Dimensionen. (aus : über das Ultra-Humanum)

Derartige Zitate liessen sich endlos reihen. Was davon für mich immer wieder unverrückbar hängen bleibt, ist die Beobachtung, das man aus einfachen Prinzipien – hier Evolution und Thermodynamik – Entwicklungen der Zukunft ableiten kann, ohne ihre exakte Manifestation zu beschreiben. Weit vor der Entwicklung des Internet oder solch schnuckeliger Werkzeuge wie Blogs leitete Teilhard de Chardin aus den genannten Begrifflichkeiten die Entstehung von Phänomenen ab, die Funktionen kanalisieren, die er mit dem Begriff Noosphäre, Totalisation oder Komplexifikation zu erfassen versuchte. Dabei muss man beachten, das die meisten seiner Schriften wohl zur Selbstverständigung gedacht waren, da die liebe katholische Kirche ihm ein Veröffentlichungsverbot aufgebrummt hatte. Verständlich. Und noch eins:

Jegliche Anordnung, deren Realisierung ein Ansteigen „der psychischen Temperatur“ [oder, wenn man es vorzieht des „Bewußtseinsgrades“] des Systems bewirkt, muß in der Natur als von eigentlich organischem und evolutivem Stoff angesehen werden. Wenn es nun aber in der uns umgebenden Welt eine klar lesbare Tatsache gibt, so gewiß jene, daß der Mensch durch den Effekt der planetaren Totalisation jeden Tag schneller seine kollektive Fähigkeit und Intensität des Denkens vermehrt. (aus: Problem für die Anthropologen)

Wenn man für sich diese Schlüsse zieht: das die Manifestationen dieser Noosphäre organisch und evolutiv sind, dann folgt für mich daraus, das eine bewusste Teilhabe daran die eigene Evolution, sowie die Beschleunigung der Beschleunigung voranzutreiben hat. Ich wünsche eine transformative Woche!

Distanz Bedeutung Nähe Ferne

Folgend eine gewisse Art der Blogg-Grill-Nachlese hochgespült in der 3. Qualrunde im Park.

Zwischen Wurst und Welt kam das Gespräch auf Gespräche die sich detailerblindet im Für-und-Wieder aufhängen. Auch ich meinte dazu meine ungaren und bierlastigen Gedanken abgeben zu müssen. Da es nüchtern noch mal hochplöppte nun also der Versuch eines Reruns. Im wahrsten Sinne der Piste.

Für mich wird das Gequatsche über viele Details immer erst sinnvoll wenn mindestens ein Versuch gemacht wird die Nähe zum Detail aufzugeben und sich technisch herauszuzoomen. Herr Sixtus schlug den Begriff „zoomen“ vor, da auf meinem Verbalszentrum ein paar Flaschen Bier lasteten. Also heraus- und hineinzoomen in ein Detail der Welt, Lebenswelt, was auch immer. Erst dann blitzt die Bedeutung eines Details auf. Wobei dieses Zoomen chronologisch und räumlich geschehen kann. Chronologisches Zoomen kennt man von synoptischen Weltgeschichten, räumliches von Landkarten.

Aber ich vermute die Existenz weiterer möglicher Zoomvariablen: Begriffliche. Im wortwörtlichen Sinne Abstraktionsebenen. Dieses imaginierte Spiel mit Details lässt zumindest mein Denken in Schwung kommen. Erfordert allerdings auch Konzentration und die Fähigkeit mehrere imaginierte Ebenen und die erforderlichen Details in der Vorstellung simultan stabil zu halten. Erst von dort aus ist „weltzentrisches“ statt einem lediglich „egozentrischen“ Denken möglich. Will man einen aus einem solchen Denkakt heraus entstandenen Text verstehen, muss man dem Autor leider erst auf die gewählte Entfernung folgen. Ansonsten der Text wirklich in dem Sinne „un-ver-ständlich“ ist, das der Standpunkt, Stand, nicht bekannt ist.

Suchmaschine im Jahr 2020

„Guten Morgen! Du hast gestern etwas interessantes über ein altes Pflaumenkuchenrezept gesagt. Könntest du das weiter ausführen?“ „Ach das. Das war noch von Tante Waltraut. Die hat die Hefe immer vorgären lassen und dann einen Spritzer….“ „Sehr schön. Interessant. Dein HR (HumanRanking) ist um 0,3% höher bewertet worden. Ich überweise dir noch heute 2 Credits auf dein Konto. Bis später und danke!“

Die unbeholfene Art und Weise wie wir heute eine Teilmenge unseres Wissens der Weltöffentlichkeit zur Verfügung stellen, um durch die Mediatoren des Wissens (google, Yahoo, MSN) vermittelt zu werden, ist steinzeitlich und dennoch schon latent utopisch.

Diese Linie in die Zukunft verlängert bedeutet: Alles was wir wissen und sind, stellt einen Ort in einem dimensionalen Raum dar, der von Wert für die Art ist. Siehe mein Eintrag Phäno- und Genotyp des Pagerankings.

Jedes Indivduum zielt aus einer bestimmten Lebenssituation auf ein bestimmtes Tupel in diesem Raum. Jedes Individuum nimmt gleichzeitig auch eine aus vielen Tupeln bestehende Untermenge in diesem Wissensraum ein. Die Gesamtmenge der Tupel stellt seinen wissensgesellschaftlichen Wert dar. Dieser kann stagnieren, zunehmen aber nie abnehmen. Au weia. Damit dürften Spammer, Dampfplauderer und Marketingnesen in den nächsten Jahren immer mehr in die Bedroullie kommen oder zu Mad-Scientists verkommen. Denn die Filter bei Google und Co werden schärfer und intelligenter. Die soziale Evolution eskaliert mit neuen Mitteln.

Der Begriff der technologischen Singularität

Allein die Existenz dieses Begriffs setzt einen teleologischen Sog in die Welt. Ganz so wie Teilhard de Chardin ihn auch verstand. Ein Omega aus der imaginierten Zukunft.

Was man aber redlicherweise immer mitreflektieren sollte ist, das es sich von unserem jeweiligen gegenwärtigen Standpunkt aus nur um eine von vielen Zukünften mit einer geschätzten Wahrscheinlichkeit handelt. Wenn auch meines Erachtens mit einer sehr hohen.

Über Fehler

Über Fehler nachdenken ist eine Kunst. Die erste Hürde ist die des Gedächtnisses. Die zweite die der Eitelkeit. Eine weitere liegt in der Fähigkeit eine weitere Position als die eigene einzunehmen. Sind diese Hürden genommen steht man vor dem Tor der Logik. So kommt es dann, das man oft die Differenz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung einfach als Reibungswärme lebt.